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TESA
MORELIN

Tesamorelin

Trans-3-Hexenoyl-GHRH(1-44)-Amid (Tesamorelinacetat)

5135.90 g/mol Molekulargewicht
C₂₂₁H₃₆₆N₇₂O₆₇S Summenformel
FDA-zugelassen (2010) Regulatorischer Status
Tyr-Ala-Asp-Ala-Ile-Phe-Thr-Asn-Ser-Tyr-Arg-Lys-Val-Leu-Gly-Gln-Leu-Ser-Ala-Arg-Lys-Leu-Leu-Gln-Asp-Ile-Met-Ser-Arg-Gln-Gln-Gly-Glu-Ser-Asn-Gln-Glu-Arg-Gly-Ala-Arg-Ala-Arg-Leu-NH₂ (44 Aminosäuren, N-terminal mit einer trans-3-Hexenoylgruppe modifiziert)
Aktualisiert am 19. September 2026
Tesamorelin Photo: Mehul Patel

Was ist Tesamorelin?

Tesamorelin ist ein synthetisches, chemisch stabilisiertes Analogon des humanen Growth Hormone-Releasing Hormone (GHRH). Während viele bekannte Forschungspeptide nur das verkürzte Fragment GHRH(1-29) nachbilden, entspricht Tesamorelin der vollständigen Sequenz GHRH(1-44) als C-terminales Amid. Entscheidend ist eine zusätzliche Modifikation: An den N-terminalen Tyrosinrest ist eine trans-3-Hexenoylgruppe gebunden. Diese Fettsäurekette schützt das Molekül vor dem enzymatischen Abbau durch die Dipeptidylpeptidase-4 (DPP-4), die natives GHRH innerhalb weniger Minuten inaktiviert. Das Resultat ist ein Peptid mit derselben rezeptorbiologischen Sprache wie das körpereigene Hormon, aber mit verlässlicherer Verfügbarkeit nach subkutaner Gabe.

Entwickelt wurde die Substanz vom kanadischen Unternehmen Theratechnologies und unter dem Handelsnamen Egrifta vermarktet. Im November 2010 erteilte die US-amerikanische FDA die Zulassung, und zwar für eine eng umrissene Indikation: die Reduktion von überschüssigem viszeralem Bauchfett bei erwachsenen Patientinnen und Patienten mit HIV-assoziierter Lipodystrophie. Damit ist Tesamorelin bis heute das einzige GHRH-Analogon, das ein vollständiges Zulassungsverfahren mit Phase-3-Daten durchlaufen hat. Alle anderen in der Peptid-Szene diskutierten GHRH-Moleküle, darunter CJC-1295 und Sermorelin, haben diesen Status nicht oder nicht mehr.

Wichtig für Leserinnen und Leser im deutschsprachigen Raum: Die Zulassung ist eine US-Zulassung. In der Europäischen Union besteht keine gültige Marktzulassung für Tesamorelin, und in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das Präparat nicht regulär im Handel. Was im Internet als Tesamorelin angeboten wird, stammt daher in aller Regel nicht aus der zugelassenen Lieferkette, sondern aus dem Segment der sogenannten Forschungschemikalien, das keiner arzneimittelrechtlichen Qualitätssicherung unterliegt.

Ebenso wichtig ist die Abgrenzung der Indikation. Die FDA-Zulassung beschreibt ausdrücklich die Verringerung von viszeralem Fettgewebe bei einer definierten Patientengruppe. Sie ist keine Zulassung zur Gewichtsabnahme, keine Zulassung zur Behandlung von Adipositas, keine Zulassung für Anti-Aging und keine Zulassung für Leistungssport oder Muskelaufbau. Die in den Studien beobachtete Veränderung betraf gezielt das Fettdepot im Bauchraum, während das Gesamtkörpergewicht weitgehend stabil blieb. Dieser Unterschied wird in populären Darstellungen häufig eingeebnet, verändert aber die Bewertung des Peptids grundlegend.

Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine medizinische Beratung dar. Er nennt bewusst keine empfohlenen Dosierungen. Verbindlich sind die Fachinformation des jeweiligen Präparats und die Einschätzung einer behandelnden Ärztin oder eines behandelnden Arztes.

Wie wirkt Tesamorelin im Körper?

Tesamorelin ist ein Agonist am GHRH-Rezeptor, einem G-Protein-gekoppelten Rezeptor, der vor allem auf den somatotropen Zellen des Hypophysenvorderlappens sitzt. Bindet das Peptid dort, steigt intrazellulär das zyklische AMP an, die Proteinkinase A wird aktiviert, und die somatotropen Zellen synthetisieren und sezernieren vermehrt Wachstumshormon (GH). Es handelt sich damit um einen indirekten Mechanismus: Tesamorelin ist selbst kein Wachstumshormon, sondern ein Signalgeber an die körpereigene Hormonachse.

Aus dieser Architektur ergibt sich der pharmakologisch interessanteste Punkt. Da die GH-Freisetzung weiterhin über die Hypophyse läuft, bleiben die physiologischen Kontrollmechanismen intakt. Somatostatin kann die Ausschüttung weiterhin bremsen, und ein steigender IGF-1-Spiegel wirkt über die negative Rückkopplung dämpfend auf die Achse zurück. Die charakteristische pulsatile Freisetzung des Wachstumshormons bleibt erhalten, statt durch einen konstanten, künstlich hohen Spiegel ersetzt zu werden. Bei der Gabe von rekombinantem Wachstumshormon ist genau das Gegenteil der Fall: Die Hypophyse wird umgangen, und supraphysiologische Spiegel sind ohne Gegenregulation möglich.

Das freigesetzte GH wirkt einerseits direkt auf das Fettgewebe, andererseits über die hepatische Bildung von IGF-1. Am Adipozyten fördert GH die Lipolyse, unter anderem durch Aktivierung der hormonsensitiven Lipase, und hemmt die Fettspeicherung über eine verminderte Aktivität der Lipoproteinlipase. Viszerales Fettgewebe (VAT) reagiert auf diese Signale ausgeprägter als das subkutane Fettgewebe, was unter anderem mit einer höheren Dichte an GH-Rezeptoren und einer stärkeren lipolytischen Ansprechbarkeit dieses Depots erklärt wird. Genau hier liegt der Grund, warum in den Studien überwiegend das Bauchraumfett und nicht das Gesamtgewicht abnahm.

Pharmakokinetisch ist Tesamorelin ein kurz wirksames Molekül. Nach subkutaner Injektion liegt die Eliminationshalbwertszeit laut der US-amerikanischen Fachinformation im Bereich von etwa 26 bis 38 Minuten. Die Exposition ist also kurz und ähnelt eher einem verstärkten physiologischen Impuls als einer Dauerstimulation. Der IGF-1-Spiegel steigt dagegen langsamer und erreicht typischerweise erst nach mehreren Wochen ein neues Plateau, weshalb IGF-1 als Sicherheitsparameter und nicht als Kurzzeitmarker verwendet wird.

Bemerkenswert ist schließlich, dass bei Menschen mit HIV-assoziierter Lipodystrophie häufig eine relative GH-Defizienz besteht. Die viszerale Fettakkumulation und die verminderte GH-Sekretion verstärken sich gegenseitig. Tesamorelin setzt an dieser Stelle an, indem es eine abgeschwächte, aber grundsätzlich funktionsfähige Achse wieder stimuliert. Bei Personen mit intakter, normal arbeitender GH-Achse ist derselbe relative Effekt nicht automatisch zu erwarten, ein Punkt, der bei der Übertragung auf gesunde Anwenderinnen und Anwender regelmäßig übersehen wird.

Was zeigen die klinischen Studien zu viszeralem Fett, Leber und Kognition?

Die Datenlage zu Tesamorelin ist für ein Peptid dieser Kategorie ungewöhnlich solide, bezieht sich aber fast vollständig auf eine einzige Population. Grundlage der Zulassung war ein Phase-3-Programm, dessen erste große Studie 2007 im New England Journal of Medicine erschien (Falutz et al., PMID 18057338). Eingeschlossen wurden über 400 HIV-positive Erwachsene mit abdomineller Fettakkumulation. Nach 26 Wochen zeigte sich in der Verumgruppe eine Abnahme des per Computertomographie gemessenen viszeralen Fettgewebes um rund 15 Prozent, während es unter Placebo leicht zunahm. Zugleich verbesserten sich Triglyzeride und das Verhältnis von Gesamtcholesterin zu HDL, und der IGF-1-Spiegel stieg deutlich an. Das subkutane Fettgewebe blieb dabei weitgehend unverändert, das Körpergewicht ebenfalls. Die untersuchte Dosierung lag bei 2 mg täglich subkutan; diese Angabe beschreibt das Studiendesign und ist ausdrücklich keine Anwendungsempfehlung.

Die Frage nach der Dauerhaftigkeit beantwortete die Verlängerungsphase, publiziert 2010 im Journal of Acquired Immune Deficiency Syndromes (Falutz et al., PMID 20101189). Teilnehmende wurden nach Woche 26 erneut randomisiert. Wer die Substanz weiter erhielt, behielt die erreichte Reduktion des viszeralen Fetts über 52 Wochen im Wesentlichen bei. Wer auf Placebo wechselte, verlor den Effekt: Das viszerale Fettgewebe näherte sich wieder den Ausgangswerten an. Diese Reversibilität ist eine der praktisch wichtigsten Erkenntnisse zu Tesamorelin, weil sie zeigt, dass es sich nicht um eine einmalige Umstellung des Fettstoffwechsels handelt, sondern um einen Effekt, der an die fortlaufende Stimulation gebunden ist.

Ein zweiter Forschungsstrang betrifft die Leber. Stanley und Kollegen berichteten 2014 im JAMA (PMID 25038357) über eine randomisierte Studie bei HIV-positiven Erwachsenen mit abdomineller Fettakkumulation, in der die per Magnetresonanzspektroskopie bestimmte Leberfettfraktion unter Tesamorelin signifikant abnahm, parallel zum viszeralen Fett. Eine größere und längere Untersuchung derselben Arbeitsgruppe erschien 2019 in Lancet HIV (PMID 31611038): Über zwölf Monate reduzierte Tesamorelin bei HIV-assoziierter nicht-alkoholischer Fettlebererkrankung den Leberfettgehalt, und in der Verumgruppe schritt die Leberfibrose seltener fort als unter Placebo. Auch hier handelt es sich um eine spezifische Population, nicht um NAFLD im Allgemeinen.

Der dritte, oft zitierte Strang betrifft die Kognition. Baker und Kollegen untersuchten 2012 in Archives of Neurology (PMID 22869065) die Wirkung eines GHRH-Analogons über 20 Wochen bei älteren Erwachsenen, teils kognitiv gesund, teils mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI). Beobachtet wurden günstige Effekte auf exekutive Funktionen und verbales Gedächtnis, begleitet von einem deutlichen IGF-1-Anstieg. Die Studie war jedoch klein, kurz, und sie prüfte keine klinischen Endpunkte wie Demenzprogression. Sie ist ein Hinweis auf eine Forschungsrichtung, keine Grundlage für eine Anwendung bei kognitiven Beschwerden.

Zusammengefasst: Belastbar ist die Reduktion viszeralen Fetts und von Leberfett bei HIV-assoziierter Fettverteilungsstörung. Alles Weitere befindet sich im Stadium früher oder kleiner Studien.

Wie unterscheidet sich Tesamorelin von CJC-1295, Ipamorelin und Sermorelin?

In Foren und Produktbeschreibungen werden diese vier Peptide häufig in einem Atemzug genannt, als wären sie austauschbare Varianten desselben Prinzips. Tatsächlich unterscheiden sie sich in drei Dimensionen erheblich: im Rezeptor, an dem sie ansetzen, in der Halbwertszeit und vor allem im Umfang der Evidenz am Menschen.

PeptidKlasse und ZielrezeptorRegulatorischer StatusHalbwertszeit (subkutan)Humane Evidenz
TesamorelinStabilisiertes GHRH(1-44)-Analogon, GHRH-RezeptorFDA-zugelassen 2010 für HIV-assoziierte Lipodystrophie; in der EU nicht zugelassenca. 26 bis 38 MinutenMehrere randomisierte Phase-3-Studien mit CT-gemessenem viszeralem Fett, Leberdaten, Langzeitverlängerung
CJC-1295 ohne DACGHRH(1-29)-Analogon (Mod GRF 1-29), GHRH-RezeptorNicht zugelassen, als Forschungspeptid vertriebenca. 30 MinutenSehr begrenzt, überwiegend Pharmakokinetik und Fallserien, keine Phase-3-Daten
CJC-1295 mit DACGHRH-Analogon mit Albuminbindung, GHRH-RezeptorNicht zugelassen, Entwicklung eingestelltmehrere TageEinzelne frühe Studien zu GH- und IGF-1-Anstieg, keine Endpunktstudien
IpamorelinGhrelin-Rezeptor-Agonist (GHS-R1a), kein GHRH-AnalogonNicht zugelassen, klinische Entwicklung nicht weitergeführtca. 2 StundenKleine Studien, klinische Entwicklung in anderer Indikation abgebrochen
SermorelinGHRH(1-29)-Amid, GHRH-RezeptorFrühere US-Zulassung, Produkt vom Markt genommen; heute teils als Rezepturca. 11 bis 12 MinutenHistorische Daten vor allem zur Diagnostik der GH-Achse und in der Pädiatrie

Der zentrale Unterschied ist qualitativ, nicht graduell. Ipamorelin gehört gar nicht zur GHRH-Familie: Es ist ein Wachstumshormon-Sekretagogum, das am Ghrelin-Rezeptor ansetzt und einen anderen Signalweg nutzt. Deshalb wird es in der Praxis oft mit einem GHRH-Analogon kombiniert, was zwei komplementäre Mechanismen adressiert. CJC-1295 und Sermorelin teilen dagegen den Rezeptor mit Tesamorelin, unterscheiden sich aber in Länge, Stabilität und Datenlage.

Die regulatorische Spalte der Tabelle ist die aussagekräftigste. Nur bei Tesamorelin existiert ein abgeschlossenes Zulassungsverfahren mit einem harten, bildgebend gemessenen Endpunkt über 26 und 52 Wochen. Bei den anderen drei Peptiden stützen sich Aussagen zur Wirksamkeit weitgehend auf Surrogatparameter wie GH-Spitzen oder IGF-1-Anstiege. Ein messbarer Hormonanstieg ist jedoch nicht dasselbe wie ein nachgewiesener klinischer Nutzen, und diese Unterscheidung sollte bei jedem Vergleich mitgedacht werden.

Eine kürzere Halbwertszeit ist im Übrigen kein Nachteil per se. Kurze, impulsartige Stimulation entspricht dem physiologischen Muster der GH-Ausschüttung besser als eine tagelange Dauerbelegung des Rezeptors, wie sie bei albumingebundenen Varianten auftritt. Welche Variante pharmakologisch sinnvoller ist, lässt sich aus der Halbwertszeit allein nicht ableiten.

Was ist über Off-Label-Anwendung und Forschung außerhalb von HIV bekannt?

Das größte Interesse an Tesamorelin außerhalb der Medizin betrifft die Frage, ob sich der beobachtete Effekt auf viszerales Fett auf Menschen ohne HIV übertragen lässt. Die ehrliche Antwort lautet: Es gibt dafür keine großen randomisierten Studien. Die gesamte Phase-3-Evidenz stammt aus der HIV-Population, in der eine spezifische Störung der Fettverteilung und häufig eine relative GH-Defizienz vorliegen. Ein Wirksamkeitsnachweis in einer Population mit definiertem Defizit erlaubt keine automatische Extrapolation auf Personen mit intakter Hormonachse.

Was sich sagen lässt, ist Folgendes. Belegt ist eine Reduktion des viszeralen Fettgewebes bei HIV-assoziierter Lipodystrophie, belegt ist eine Reduktion des Leberfetts in derselben Population, belegt ist die Reversibilität nach Absetzen, und belegt ist ein Anstieg von IGF-1 als pharmakodynamischer Effekt. Nicht belegt ist ein relevanter Gewichtsverlust, nicht belegt ist ein Nutzen bei Adipositas ohne HIV, nicht belegt sind kardiovaskuläre Endpunkte, nicht belegt ist ein Anti-Aging-Effekt, und nicht belegt ist eine Verbesserung sportlicher Leistungsfähigkeit.

Der Punkt zum Gewicht verdient besondere Betonung, weil er in der Vermarktung regelmäßig umgedeutet wird. In den Zulassungsstudien blieb das Körpergewicht weitgehend stabil. Verändert wurde die Fettverteilung, nicht die Fettmasse insgesamt. Wer eine Substanz zur Gewichtsreduktion sucht, vergleicht damit ungleiche Dinge: GLP-1-basierte Wirkstoffe wie Semaglutid wurden in großen Studien gegen den Endpunkt Körpergewicht geprüft und erreichen dort zweistellige prozentuale Reduktionen. Tesamorelin wurde nie mit diesem Ziel entwickelt und in keiner Studie gegen ein solches Ziel getestet. Ein Überblick über die verschiedenen Ansätze findet sich in unserem Artikel zu Peptiden im Kontext der Fettreduktion.

Die kognitive Forschungslinie aus der Arbeit von Baker und Kollegen wird gelegentlich als Beleg für einen breiten Nutzen bei gesunden Erwachsenen angeführt. Auch hier lohnt Präzision: Es handelte sich um eine einzelne kontrollierte Studie über 20 Wochen mit neuropsychologischen Tests als Endpunkt, nicht um eine Untersuchung klinischer Verläufe. Nachfolgeuntersuchungen dieser Größenordnung, die den Befund bestätigen würden, fehlen bislang. Ein Hinweis auf eine mögliche Wirkung ist wissenschaftlich wertvoll, ersetzt aber keine Wirksamkeitsevidenz.

Hinzu kommt ein Qualitätsproblem. Was außerhalb der Apothekenkette als Tesamorelin gehandelt wird, ist als Forschungschemikalie deklariert und ausdrücklich nicht für die Anwendung am Menschen bestimmt. Identität, Reinheit, Endotoxingehalt und Gehaltsgenauigkeit unterliegen keiner behördlichen Prüfung. Bei einem 44 Aminosäuren langen, chemisch modifizierten Peptid sind Syntheseverunreinigungen und Abbauprodukte zudem schwerer zu kontrollieren als bei kurzen Sequenzen. Wer die Studienergebnisse auf ein solches Produkt überträgt, unterstellt eine Äquivalenz, die nicht überprüfbar ist.

Welche Nebenwirkungen und Gegenanzeigen sind dokumentiert?

Weil Tesamorelin ein reguläres Zulassungsverfahren durchlaufen hat, existiert ein behördlich geprüftes Sicherheitsprofil, wie es für kaum ein anderes GHRH-Peptid vorliegt. Die häufigsten in den Studien und in der US-Fachinformation dokumentierten unerwünschten Wirkungen sind Reaktionen an der Injektionsstelle: Rötung, Juckreiz, Schmerz, Schwellung, Quaddelbildung und kleine Einblutungen. Sie waren der häufigste Grund für Studienabbrüche.

Eine zweite Gruppe von Effekten lässt sich direkt aus der Wirkung des Wachstumshormons ableiten. Dazu zählen Gelenkschmerzen (Arthralgien), Muskelschmerzen, Muskelsteifigkeit, periphere Ödeme durch Flüssigkeitsretention sowie Parästhesien und Hypästhesien. Karpaltunnel-artige Beschwerden sind ein bekanntes Muster unter GH-Stimulation und treten auf, wenn Flüssigkeitseinlagerung den Druck auf periphere Nerven erhöht. Diese Effekte sind in der Regel dosisabhängig und nach Absetzen rückläufig.

Klinisch am bedeutsamsten ist der Einfluss auf den Glukosestoffwechsel. Wachstumshormon wirkt der Insulinwirkung entgegen. In den Studien wurden Verschlechterungen der Glukosetoleranz und ein erhöhtes Auftreten von Diabetes mellitus beobachtet, weshalb die Fachinformation eine Überwachung von Nüchternglukose und HbA1c vorsieht, insbesondere bei vorbestehender Prädiabetes oder Diabetes. Ebenso wird der IGF-1-Spiegel überwacht: Ein anhaltend stark erhöhter IGF-1-Wert gilt als Signal, die Anwendung zu überdenken, weil chronisch erhöhte IGF-1-Spiegel mit Zellproliferation in Verbindung gebracht werden. Ein weiterer dokumentierter Befund ist die Bildung von Antikörpern gegen Tesamorelin, die bei einem erheblichen Anteil der Behandelten auftrat, überwiegend ohne neutralisierende Wirkung auf die Wirksamkeit.

Als Gegenanzeigen nennt die US-Fachinformation unter anderem: Störungen der Hypothalamus-Hypophysen-Achse, etwa nach Hypophysektomie, bei Hypophysentumor oder nach Bestrahlung beziehungsweise Trauma im Kopfbereich; eine aktive bösartige Erkrankung, da eine Stimulation der GH-IGF-1-Achse bei bestehender Neoplasie nicht vertretbar ist; die Schwangerschaft, da ein Nutzen nicht besteht und ein Risiko nicht ausgeschlossen werden kann; sowie eine bekannte Überempfindlichkeit gegen Tesamorelin oder Bestandteile der Zubereitung einschließlich Mannitol. Bei Personen mit onkologischer Vorgeschichte ist besondere Vorsicht geboten, und eine bestehende Retinopathie oder ein unkontrollierter Diabetes erfordern ärztliche Abklärung vor jeder Erwägung.

Diese Aufzählung ist keine vollständige Sicherheitsbewertung und ersetzt weder die Fachinformation noch ein ärztliches Gespräch. Sie zeigt aber, dass Tesamorelin kein harmloses Nahrungsergänzungsmittel ist, sondern eine hormonell wirksame Substanz mit überwachungsbedürftigen Laborparametern. Genau diese Überwachung fehlt bei jeder Anwendung außerhalb eines ärztlich begleiteten Rahmens. Bei Symptomen wie neu auftretender Sehstörung, ausgeprägten Ödemen, starkem Durst oder Gelenkbeschwerden ist ärztlicher Rat einzuholen.

Wie wird Tesamorelin rekonstituiert und gelagert?

Tesamorelin wird als lyophilisiertes Pulver bereitgestellt und muss vor der Anwendung mit einem Lösungsmittel rekonstituiert werden. Dieser Abschnitt beschreibt allgemeine Grundsätze der Handhabung lyophilisierter Peptide. Er enthält bewusst keine Dosierungsangaben und keine Anwendungsanleitung. Verbindlich sind ausschließlich die Angaben der jeweiligen Fachinformation und die Anweisung der verordnenden Ärztin oder des verordnenden Arztes.

Wichtig zu wissen ist, dass sich die Darreichungsformen von Egrifta im Lauf der Jahre mehrfach geändert haben. Es gab Formulierungen, bei denen mehrere Durchstechflaschen zu einer einzigen Anwendung zusammengeführt werden mussten, sowie spätere Varianten mit einer einzelnen Durchstechflasche und veränderten Lagerungsanforderungen. Angaben aus älteren Foren oder Blogbeiträgen beziehen sich deshalb regelmäßig auf eine Formulierung, die nicht mehr aktuell ist. Art des Lösungsmittels, Volumen, Lagertemperatur und Haltbarkeit nach Rekonstitution sind formulierungsspezifisch und dürfen nicht von einem Produkt auf ein anderes übertragen werden.

Allgemein gilt für lyophilisierte Peptide: Das Lösungsmittel wird langsam an der Innenwand der Durchstechflasche entlang zugegeben, nicht direkt auf den Pulverkuchen. Anschließend wird die Flasche behutsam geschwenkt oder zwischen den Handflächen gerollt, bis sich das Pulver vollständig gelöst hat. Kräftiges Schütteln ist zu vermeiden, da mechanischer Stress und Schaumbildung Peptide denaturieren können. Die fertige Lösung sollte klar und frei von sichtbaren Partikeln sein. Trübung, Verfärbung oder Flocken sind ein Grund, die Flasche zu verwerfen. Eine strukturierte Darstellung dieser Schritte finden Sie in unserer Anleitung zur Peptid-Rekonstitution in fünf Schritten.

Zur Lagerung: Das lyophilisierte Pulver ist im Allgemeinen deutlich stabiler als die gelöste Form. Nach der Rekonstitution ist Kühlung üblich, Licht sollte vermieden werden, und die Haltbarkeit ist begrenzt. Wiederholtes Einfrieren und Auftauen ist zu vermeiden. Die konkreten Zeiträume und Temperaturen entnehmen Sie ausschließlich der Produktinformation.

Für das reine Umrechnen von Konzentrationen, also die Frage, welcher Volumenanteil einer Lösung welcher Peptidmenge entspricht, steht unser Rekonstitutionsrechner für Tesamorelin zur Verfügung. Dieses Werkzeug führt eine mathematische Umrechnung durch und trifft keine Aussage darüber, ob, wie viel oder wie oft angewendet werden sollte. Es ersetzt keine ärztliche Beurteilung und keine Fachinformation.

Wie ist der rechtliche Status und was kostet Tesamorelin?

Der rechtliche Status von Tesamorelin unterscheidet sich erheblich je nach Land, und diese Unterschiede werden in der Online-Diskussion häufig vermischt. In den USA ist Tesamorelin unter dem Handelsnamen Egrifta ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel mit einer FDA-Zulassung für die Reduktion von überschüssigem viszeralem Bauchfett bei HIV-assoziierter Lipodystrophie. Die Abgabe erfolgt über den regulären Arzneimittelvertrieb, häufig über spezialisierte Versorgungswege.

In der Europäischen Union besteht keine zentrale Zulassung für Tesamorelin. Damit ist es in Deutschland, Österreich und den EU-Staaten kein verkehrsfähiges Fertigarzneimittel. In der Schweiz liegt ebenfalls keine Zulassung von Swissmedic vor. In solchen Konstellationen kommt allenfalls ein ärztlich veranlasster Einzelimport eines im Ausland zugelassenen Arzneimittels in Betracht, der an enge rechtliche Voraussetzungen gebunden ist und über eine Apotheke abgewickelt wird. Der private Bezug über ausländische Online-Anbieter fällt nicht darunter und kann arzneimittel- und zollrechtliche Konsequenzen haben. Die konkrete Rechtslage sollte im Einzelfall geprüft werden.

Davon strikt zu trennen ist der Markt für Forschungspeptide. Anbieter, die Tesamorelin als Laborchemikalie deklarieren, versehen ihre Produkte mit dem Hinweis, dass sie nicht für die Anwendung am Menschen, nicht für diagnostische und nicht für therapeutische Zwecke bestimmt sind. Dieser Hinweis ist kein Formalismus, sondern die Grundlage, auf der das Produkt überhaupt verkauft werden darf. Eine behördliche Qualitätsprüfung findet dort nicht statt.

Für den Sport ist die Lage eindeutig. Wachstumshormon-freisetzende Faktoren, zu denen GHRH-Analoga wie Tesamorelin ausdrücklich zählen, stehen auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur in der Klasse S2 (Peptidhormone, Wachstumsfaktoren, verwandte Substanzen und Mimetika) und sind jederzeit verboten, also im und außerhalb des Wettkampfs. Für organisierte Athletinnen und Athleten bedeutet eine Anwendung ohne medizinische Ausnahmegenehmigung einen Dopingverstoß.

Zum Preis lässt sich seriös nur eine Aussage über die Struktur treffen, nicht über konkrete Zahlen. Das zugelassene Markenpräparat ist ein Spezialarzneimittel, dessen tatsächlicher Preis in den USA stark vom Versicherungsstatus, von Erstattungsprogrammen und vom Versorgungsweg abhängt. Im Segment der Forschungspeptide schwanken die Preise zwischen Anbietern, Chargen und Mengen erheblich. Wir nennen hier bewusst keine Zahlen, da veraltete oder geschätzte Preisangaben irreführend wären. Prüfen Sie den aktuellen Preis gegebenenfalls direkt beim jeweiligen Anbieter.

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich Bildungszwecken und stellt keine medizinische Beratung dar. Tesamorelin ist ein hormonell wirksamer Stoff mit überwachungsbedürftigen Laborwerten und dokumentierten Gegenanzeigen. Besprechen Sie jede Erwägung mit einer qualifizierten medizinischen Fachperson und richten Sie sich nach der zugelassenen Fachinformation.

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Häufige Fragen zu Tesamorelin

Ist Tesamorelin ein Steroid?
Nein. Tesamorelin ist ein Peptid aus 44 Aminosäuren und ein Analogon des körpereigenen Growth Hormone-Releasing Hormone. Es hat weder chemisch noch pharmakologisch etwas mit anabol-androgenen Steroiden zu tun: Es bindet nicht an Androgenrezeptoren und wirkt indirekt über die Freisetzung von körpereigenem Wachstumshormon aus der Hypophyse. Sportrechtlich ist die Unterscheidung allerdings ohne Bedeutung. GHRH-Analoga stehen als Wachstumshormon-freisetzende Faktoren in Klasse S2 der WADA-Verbotsliste und sind im und außerhalb des Wettkampfs untersagt.
Ist Tesamorelin für Frauen geeignet?
In die Zulassungsstudien wurden sowohl Männer als auch Frauen mit HIV-assoziierter Lipodystrophie eingeschlossen, und eine Reduktion des viszeralen Fettgewebes wurde in beiden Gruppen beobachtet. Die zugelassene Indikation ist nicht geschlechtsspezifisch formuliert. Wichtig sind jedoch zwei Punkte: Die Schwangerschaft gilt als Gegenanzeige, und die hormonelle Ausgangslage, einschließlich einer Östrogentherapie, kann die Reaktion der GH-IGF-1-Achse beeinflussen. Ob eine Anwendung im Einzelfall überhaupt infrage kommt, ist eine ärztliche Entscheidung und lässt sich nicht pauschal beantworten.
Wie lange wird Tesamorelin angewendet?
Die kontrollierten Studien liefen über 26 Wochen, mit einer Verlängerungsphase auf insgesamt 52 Wochen. Daten über deutlich längere Zeiträume sind begrenzt. Aus der Verlängerungsstudie geht hervor, dass der Effekt auf das viszerale Fett an die fortgesetzte Anwendung gebunden ist. Die Fachinformation sieht zudem eine regelmäßige Überprüfung vor, ob der Nutzen weiterhin gegeben ist. Die Anwendungsdauer ist damit keine Frage, die sich anhand von Online-Empfehlungen beantworten lässt, sondern eine medizinische Entscheidung mit begleitender Laborkontrolle.
Was passiert nach dem Absetzen von Tesamorelin?
Der Effekt ist reversibel. In der 52-wöchigen Verlängerungsstudie von Falutz und Kollegen (PMID 20101189) wurden Teilnehmende nach Woche 26 erneut randomisiert. Wer auf Placebo wechselte, verlor die erreichte Reduktion des viszeralen Fettgewebes, das sich wieder in Richtung des Ausgangswerts entwickelte. Wer die Substanz weiter erhielt, behielt den Effekt im Wesentlichen bei. Die GH-Achse selbst wird nicht dauerhaft supprimiert, da Tesamorelin die körpereigene Regulation nutzt und nicht ersetzt.
Kann man Tesamorelin mit CJC-1295 und Ipamorelin kombinieren?
Für eine solche Kombination existieren keine klinischen Studien und damit auch keine Daten zu Wirksamkeit oder Sicherheit. Pharmakologisch wäre die Kombination mit CJC-1295 weitgehend redundant, da beide am selben GHRH-Rezeptor ansetzen. Ipamorelin wirkt über den Ghrelin-Rezeptor und damit über einen anderen Signalweg, was theoretisch additiv sein kann, aber eben nicht untersucht ist. Zu erwarten wäre in jedem Fall eine stärkere Stimulation der GH-IGF-1-Achse mit entsprechend höherem Risiko für Ödeme, Gelenkbeschwerden und Veränderungen des Blutzuckers. Mehr zu den einzelnen Substanzen finden Sie in unseren Leitfäden zu CJC-1295 und Ipamorelin.
Was ist der Unterschied zwischen Tesamorelin und Wachstumshormon?
Rekombinantes Wachstumshormon wird direkt zugeführt und umgeht die Hypophyse vollständig. Dadurch entstehen konstante, potenziell supraphysiologische Spiegel ohne natürliche Gegenregulation. Tesamorelin dagegen stimuliert die Hypophyse, das Hormon selbst auszuschütten. Die pulsatile Freisetzung bleibt erhalten, Somatostatin kann weiterhin bremsen, und die negative Rückkopplung über IGF-1 funktioniert. Dieser Unterschied ist der Hauptgrund, warum das Sicherheitsprofil der beiden Ansätze nicht identisch ist. Er bedeutet jedoch nicht, dass Tesamorelin risikofrei wäre.
Hilft Tesamorelin beim Muskelaufbau?
Dafür gibt es keine belastbare Evidenz. In den Studien bei HIV-assoziierter Lipodystrophie standen die Veränderungen des viszeralen Fettgewebes im Vordergrund; die Magermasse veränderte sich allenfalls geringfügig. Endpunkte wie Kraft, Muskelquerschnitt oder sportliche Leistungsfähigkeit wurden nicht als primäre Ziele untersucht. Tesamorelin wurde nicht als Substanz zum Muskelaufbau entwickelt, und die Zulassung bezieht sich ausdrücklich nicht darauf. Aussagen in diese Richtung stammen aus der Anwenderszene, nicht aus kontrollierten Studien.
Ist Tesamorelin legal?
Das hängt vollständig vom Land ab. In den USA ist Tesamorelin ein verschreibungspflichtiges, FDA-zugelassenes Arzneimittel für eine eng definierte HIV-Indikation. In der Europäischen Union und in der Schweiz besteht keine Zulassung, sodass kein verkehrsfähiges Fertigarzneimittel existiert und allenfalls ein ärztlich veranlasster Einzelimport über eine Apotheke in Betracht kommt. Produkte aus dem Forschungspeptid-Markt sind ausdrücklich nicht für die Anwendung am Menschen bestimmt. Für organisierte Sportlerinnen und Sportler gilt unabhängig davon das Dopingverbot der WADA.

Quellen

  1. Falutz J, Allas S, Blot K, et al. (2007). Metabolic effects of a growth hormone-releasing factor in patients with HIV. New England Journal of Medicine.
  2. Falutz J, Mamputu JC, Potvin D, et al. (2010). Effects of tesamorelin (TH9507), a growth hormone-releasing factor analog, in human immunodeficiency virus-infected patients with excess abdominal fat: a pooled analysis of two multicenter, double-blind placebo-controlled phase 3 trials with safety extension data. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism / JAIDS.
  3. Stanley TL, Feldpausch MN, Oh J, et al. (2014). Effect of tesamorelin on visceral fat and liver fat in HIV-infected patients with abdominal fat accumulation: a randomized clinical trial. JAMA.
  4. Stanley TL, Fourman LT, Feldpausch MN, et al. (2019). Effects of tesamorelin on non-alcoholic fatty liver disease in HIV: a randomised, double-blind, multicentre trial. The Lancet HIV.
  5. Baker LD, Barsness SM, Borson S, et al. (2012). Effects of growth hormone-releasing hormone on cognitive function in adults with mild cognitive impairment and healthy older adults: results of a controlled trial. Archives of Neurology.
  6. Stanley TL, Grinspoon SK (2015). Effects of growth hormone-releasing hormone on visceral fat, metabolic, and cardiovascular indices in human studies. Growth Hormone & IGF Research.
  7. U.S. Food and Drug Administration (2010). EGRIFTA (tesamorelin for injection) Prescribing Information. FDA Drug Label Database.

Dieser Inhalt dient ausschließlich zu Informations- und Bildungszwecken. Er stellt keine medizinische Beratung dar. Konsultieren Sie einen Arzt, bevor Sie Entscheidungen treffen. Unseren vollständigen medizinischen Haftungsausschluss lesen

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