Was ist NAD+ und warum ist es kein Peptid?
NAD+ (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid) ist ein körpereigenes Coenzym. Diese Feststellung steht bewusst am Anfang, denn NAD+ wird in Onlineshops und Foren regelmäßig neben Forschungspeptiden geführt und dadurch fälschlich derselben Stoffklasse zugeordnet. Ein Peptid besteht aus Aminosäuren, die über Peptidbindungen verknüpft sind. NAD+ dagegen ist ein Dinukleotid: Nicotinamid-Mononukleotid und Adenosin-Monophosphat sind über eine Pyrophosphatbrücke miteinander verbunden. Die Summenformel lautet C₂₁H₂₇N₇O₁₄P₂, das Molekulargewicht beträgt rund 663 g/mol. NAD+ besitzt weder eine Aminosäuresequenz noch eine Peptidbindung.
Der Unterschied ist nicht nur formal. Mitochondriale Peptide wie MOTS-c oder Tetrapeptide wie Epithalon werden von Ribosomen oder chemisch aus Aminosäuren aufgebaut und wirken über Rezeptoren beziehungsweise über Signalwege. NAD+ ist dagegen ein Redox-Cofaktor, der Elektronen aufnimmt und abgibt. In der reduzierten Form NADH trägt es ein Hydrid-Ion und liefert damit Elektronen an die Atmungskette. Dieses Wechselspiel aus NAD+ und NADH begleitet praktisch jeden zentralen Stoffwechselweg: Glykolyse, Citratzyklus, Beta-Oxidation der Fettsäuren und oxidative Phosphorylierung.
Der Körper stellt NAD+ auf mehreren Wegen her. Der Salvage-Pathway recycelt Nicotinamid über das Enzym NAMPT zu Nicotinamid-Mononukleotid (NMN) und weiter zu NAD+ und deckt beim Menschen den größten Teil des Bedarfs. Der Preiss-Handler-Weg nutzt Nicotinsäure (Niacin), der De-novo-Weg baut NAD+ aus der Aminosäure Tryptophan über den Kynurenin-Weg auf. Nicotinamid-Ribosid (NR) wird durch Nicotinamid-Ribosid-Kinasen in NMN überführt. Alle als Nahrungsergänzung vermarkteten Vorstufen greifen in diese bestehenden Wege ein, sie liefern kein fertiges NAD+.
Praktisch heißt das: Wer über NAD Injektionen liest, sollte zwei Fragen getrennt betrachten. Erstens, ob ein niedriger NAD+ Spiegel überhaupt ursächlich für ein Beschwerdebild ist. Zweitens, ob eine bestimmte Zufuhrform diesen Spiegel dort anhebt, wo er gebraucht wird. Beide Fragen sind beim Menschen nur teilweise beantwortet.
Dieser Beitrag dient ausschließlich Bildungszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Welche Enzyme verbrauchen NAD+ im Körper?
In Redoxreaktionen wird NAD+ nicht verbraucht, sondern nur zwischen oxidierter und reduzierter Form umgewandelt. Daneben existiert jedoch eine zweite Gruppe von Enzymen, die NAD+ tatsächlich spaltet und dabei Nicotinamid freisetzt. Diese Enzyme bestimmen maßgeblich, wie schnell der zelluläre NAD+ Pool umgesetzt werden muss. Die Übersichtsarbeit von Covarrubias und Kollegen in Nature Reviews Molecular Cell Biology (2021) fasst diesen Bereich ausführlich zusammen.
Zu den wichtigsten NAD+ verbrauchenden Enzymfamilien gehören:
- Sirtuine (SIRT1 bis SIRT7): NAD+ abhängige Deacetylasen, die Proteine im Zellkern, im Zytoplasma und in den Mitochondrien modifizieren. Sie sind an der Regulation von Genexpression, mitochondrialer Biogenese und Stressantworten beteiligt. Bei jeder Reaktion wird ein Molekül NAD+ gespalten.
- PARP-Enzyme, insbesondere PARP1: Sie erkennen DNA-Strangbrüche und übertragen ADP-Ribose-Einheiten auf Zielproteine. Starke DNA-Schädigung führt zu einer hohen PARP-Aktivität und damit zu einem erheblichen NAD+ Verbrauch.
- CD38 und verwandte NADasen: membranständige Enzyme, die vor allem auf Immunzellen vorkommen und sowohl intrazelluläres als auch extrazelluläres NAD+ abbauen. Ihre Aktivität steigt in entzündlichem Gewebe.
Aus dieser Konstellation leitet sich die in der Literatur diskutierte Hypothese ab, dass ein mit dem Alter sinkender NAD+ Spiegel weniger auf eine nachlassende Synthese als auf einen erhöhten Verbrauch zurückgeht. Massudi und Kollegen argumentierten 2012 in PLOS ONE, dass eine Überaktivierung von PARP infolge akkumulierter oxidativer DNA-Schäden zu einem gesteigerten NAD+ Katabolismus in menschlichem Gewebe beiträgt.
Diese Mechanismen erklären, warum die Frage nach der Zufuhrform allein zu kurz greift. Wenn der Nettoverlust durch Verbrauch entsteht, ist nicht selbstverständlich, dass ein kurzzeitiger Anstieg im Blut die zugrundeliegende Bilanz im Gewebe verändert. Genau an dieser Stelle endet derzeit die belastbare Humanevidenz, und die Diskussion wird häufig durch Marketingversprechen überlagert.
Sinkt NAD+ wirklich mit dem Alter?
Der Satz "NAD+ sinkt mit dem Alter" ist der meistzitierte Ausgangspunkt der gesamten Debatte. Er ist nicht falsch, aber er ist deutlich weniger gut abgesichert, als die Häufigkeit seiner Wiederholung nahelegt. Es lohnt sich, tierexperimentelle und menschliche Daten sauber zu trennen.
Bei Nagetieren wurde ein altersabhängiger Rückgang des NAD+ Gehalts in mehreren Geweben beschrieben, darunter Leber, Skelettmuskel und Gehirn. Diese Befunde sind in Übersichtsarbeiten wie der von Covarrubias und Kollegen (2021) zusammengefasst und bilden die Grundlage der meisten mechanistischen Hypothesen zum Thema Altern und NAD+ Stoffwechsel.
Beim Menschen ist die Datenlage schmaler. Die am häufigsten angeführte Untersuchung stammt von Massudi und Kollegen aus dem Jahr 2012. Die Arbeit fand in menschlichem Gewebe eine deutliche negative Korrelation zwischen NAD+ Gehalt und Lebensalter, bei Männern mit einem Korrelationskoeffizienten von r = -0,706 (p = 0,001) und bei Frauen mit r = -0,537 (p = 0,01). Zugleich beobachteten die Autoren Hinweise auf erhöhten oxidativen Schaden und gesteigerten NAD+ Abbau.
Mehrere Einschränkungen sind dabei zu beachten. Es handelt sich um eine Querschnittsuntersuchung mit begrenzter Teilnehmerzahl, nicht um eine Längsschnittstudie, die dieselben Personen über Jahrzehnte begleitet. Die Messung von NAD+ ist technisch anspruchsvoll, da das Molekül nach der Gewebeentnahme rasch zerfällt, und unterschiedliche Analysemethoden liefern nicht immer vergleichbare Werte. Zudem verhalten sich verschiedene Gewebe unterschiedlich: Ein Befund aus einer Gewebeprobe lässt sich nicht ohne Weiteres auf Gehirn, Herz oder Muskel übertragen.
Die redliche Formulierung lautet daher: Ein altersassoziierter NAD+ Rückgang ist beim Menschen plausibel und in einzelnen Untersuchungen dokumentiert, die Größenordnung ist jedoch nicht präzise bekannt, und ob dieser Rückgang Ursache oder Folge von Alterungsprozessen ist, bleibt ungeklärt. Wer eine exakte Prozentzahl pro Lebensjahrzehnt liest, sollte die zugrundeliegende Quelle prüfen.
Injektion oder orale Vorstufen: worin unterscheiden sich die Wege?
NAD+ ist ein vergleichsweise großes, mehrfach negativ geladenes Molekül. Es durchquert Zellmembranen nicht frei. Extrazelluläres NAD+ wird zudem durch membranständige Enzyme wie CD38 und CD73 schrittweise abgebaut, unter anderem zu Nicotinamid-Mononukleotid, Nicotinamid-Ribosid und Nicotinamid. Erst diese kleineren Bausteine werden von Zellen aufgenommen und intern wieder zu NAD+ zusammengesetzt.
Daraus folgt ein für die Praxis zentraler Punkt: Auch bei intravenöser Gabe gelangt NAD+ nicht als intaktes Molekül in die Zelle. Es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem erheblichen Teil zunächst abgebaut und dann über dieselben Recyclingwege verwertet, die auch orale Vorstufen nutzen. Die intuitive Annahme, eine Injektion "umgehe" den Umweg über den Stoffwechsel, entspricht nicht der bekannten Biochemie.
Die folgende Übersicht vergleicht die Zufuhrwege nach dem Stand der publizierten Humanevidenz, nicht nach vermuteter Wirksamkeit:
| Weg | Substanz | Publizierte Humandaten |
|---|---|---|
| Oral | Nicotinamid-Ribosid (NR) | Mehrere randomisierte, placebokontrollierte Studien zu Pharmakokinetik, Verträglichkeit und Biomarkern |
| Oral | Nicotinamid-Mononukleotid (NMN) | Kleinere randomisierte Studien, unter anderem zur Insulinsensitivität, sowie Verträglichkeitsstudien |
| Oral | Nicotinsäure (Niacin) | Langjährige Anwendung in der Lipidtherapie, NAD+ spezifische Daten vor allem bei mitochondrialer Myopathie |
| Intravenös | NAD+ selbst | Einzelne kleine Pilotstudien und retrospektive Auswertungen |
| Subkutan | NAD+ selbst | Keine publizierten kontrollierten Humanstudien identifiziert |
Die Tabelle zeigt ein klares Gefälle: Je invasiver der Zufuhrweg, desto dünner die kontrollierte Evidenz. Das ist das Gegenteil der in der Werbung vermittelten Reihenfolge, in der die Infusion als die "stärkste" Variante dargestellt wird. Stärker im Sinne höherer erreichbarer Blutspiegel bedeutet nicht automatisch besser belegt oder klinisch überlegen.
Fragen zur Beschaffung, zu Anbietern und zu regionalen Unterschieden behandeln wir bewusst nicht in diesem wissenschaftlichen Leitfaden. Eine gesonderte Übersicht dazu finden Sie unter NAD+ Bezugsquellen im Vergleich.
Was zeigen die Humanstudien zu oralen Vorstufen?
Die belastbarste Evidenz zum Thema NAD+ betrifft nicht die Injektion, sondern die oralen Vorstufen. Nachfolgend nur Studien, die für diesen Beitrag einzeln geprüft wurden.
Pharmakokinetik. Trammell und Kollegen veröffentlichten 2016 in Nature Communications die erste klinische Untersuchung zur Pharmakokinetik von Nicotinamid-Ribosid beim Menschen. Einzeldosen von 100, 300 und 1 000 mg NR führten zu dosisabhängigen Anstiegen des NAD+ Metaboloms im Blut, in einer Pilotbeobachtung stieg NAD+ im Blut um bis zum 2,7-Fachen.
Längere Einnahme. Conze, Brenner und Kruger untersuchten 2019 in Scientific Reports 140 übergewichtige, ansonsten gesunde Erwachsene über acht Wochen. Gegenüber Placebo stieg NAD+ im Vollblut dosisabhängig um 22 %, 51 % und 142 % bei 100, 300 und 1 000 mg NR pro Tag. Es traten keine Flush-Meldungen auf, und die Häufigkeit unerwünschter Ereignisse unterschied sich nicht bedeutsam von Placebo.
Ältere Erwachsene. Martens und Kollegen führten 2018 in Nature Communications eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Crossover-Studie über zweimal sechs Wochen mit 1 000 mg NR täglich bei gesunden Erwachsenen mittleren und höheren Alters durch (24 ausgewertete Teilnehmende). NR wurde gut vertragen und erhöhte NAD+ in mononukleären Blutzellen. Hinweise auf niedrigeren systolischen Blutdruck und geringere arterielle Steifigkeit blieben explorativ und wurden von den Autoren ausdrücklich als Hypothese für größere Studien bezeichnet.
Muskelgewebe. Elhassan und Kollegen gaben 2019 in Cell Reports zwölf älteren Männern 21 Tage lang 1 g NR täglich im placebokontrollierten Crossover-Design. Das NAD+ Metabolom im Muskel stieg an, die Transkriptomanalyse zeigte antiinflammatorische Signaturen, die mitochondriale Bioenergetik veränderte sich jedoch nicht.
NMN. Irie und Kollegen dokumentierten 2020 im Endocrine Journal die Verträglichkeit einmaliger oraler Gaben von 100, 250 und 500 mg NMN bei zehn gesunden japanischen Männern ohne klinisch relevante Auffälligkeiten. Yoshino und Kollegen berichteten 2021 in Science über 25 postmenopausale Frauen mit Prädiabetes und Übergewicht, die zehn Wochen lang 250 mg NMN täglich erhielten. Die Insulinsensitivität im Muskel verbesserte sich, eine Veränderung des NAD+ Gehalts im Muskel war jedoch nicht nachweisbar.
Niacin. Pirinen und Kollegen zeigten 2020 in Cell Metabolism bei Patientinnen und Patienten mit adult beginnender mitochondrialer Myopathie, dass ansteigende Niacin-Gaben bis 750 bis 1 000 mg täglich das NAD+ im Blut um bis zum Achtfachen erhöhten und das Muskel-NAD+ der Betroffenen auf das Niveau der Kontrollen brachten. Dies betrifft eine definierte Erkrankung und lässt sich nicht auf gesunde Alterung übertragen.
Welche Humandaten gibt es zu Infusion und subkutaner Injektion?
Im Vergleich zum vorangegangenen Abschnitt fällt die Evidenz hier deutlich ab. Das ist der zentrale Befund dieses Leitfadens und sollte bei jeder Werbeaussage zu NAD Injektionen mitgedacht werden.
Intravenöse Gabe. Grant und Kollegen veröffentlichten 2019 in Frontiers in Aging Neuroscience eine Pilotstudie, in der 750 mg NAD+ über sechs Stunden intravenös infundiert wurden, mit einer Rate von etwa 3 µmol pro Minute. Bemerkenswert war das zeitliche Muster: In den ersten zwei Stunden zeigten sich weder im Plasma-NAD+ noch bei den gemessenen Metaboliten wie Nicotinamid, Methylnicotinamid, ADP-Ribose und NMN Veränderungen. Erst danach stieg NAD+ im Plasma an, und nach sechs Stunden waren erhöhte NAD+ Konzentrationen im Urin nachweisbar. Der renale Ausscheidungsbefund deutet darauf hin, dass ein Teil der zugeführten Menge den Körper unverwertet wieder verlässt.
Reale Versorgungssituation. Reyna und Kollegen werteten 2026 in Frontiers in Aging retrospektiv elektronische Patientenakten einer kommerziellen Infusionspraxis aus. Verglichen wurden vier aufeinanderfolgende Tage mit jeweils 500 mg NAD+ intravenös gegenüber NR intravenös, mit 30 Tagen Nachbeobachtung. Die durchschnittliche Infusionsdauer betrug in der NAD+ Gruppe 97 ± 56,33 Minuten gegenüber 37 ± 13,08 Minuten in der NR Gruppe, was einer Verkürzung um rund 60 % entspricht. Die Aussagekraft ist durch das retrospektive Design, die sehr kleinen Gruppen (sechs beziehungsweise fünf Personen), die fehlende Randomisierung und Verblindung sowie das kommerzielle Umfeld erheblich eingeschränkt.
Subkutane Injektion. Für die subkutane Gabe von NAD+ beim Menschen konnten im Rahmen der Recherche für diesen Beitrag keine publizierten kontrollierten Studien identifiziert werden. Es liegen damit keine belastbaren Daten zu Aufnahme, Halbwertszeit, Gewebeverteilung, Verträglichkeit über die Zeit oder klinischen Endpunkten vor. Wer auf Produktseiten pharmakokinetische Aussagen zur subkutanen Anwendung liest, sollte gezielt nach der zugrundeliegenden Publikation fragen.
Hinzu kommt ein systematischer Übersichtsartikel von de Mello Gindri und Kollegen, der 2023 im American Journal of Physiology: Endocrinology and Metabolism erschien und Sicherheit sowie Wirksamkeit von NAD in verschiedenen klinischen Situationen zusammenfasst. Solche Übersichten sind derzeit die sinnvollste Referenz, um Einzelbefunde einzuordnen, statt sich auf isolierte Studien zu stützen.
Welche unerwünschten Wirkungen wurden berichtet?
Die berichteten Nebenwirkungen unterscheiden sich stark nach Zufuhrweg und Substanz. Eine pauschale Aussage zur Verträglichkeit von "NAD+" ist daher nicht möglich.
Während intravenöser NAD+ Gabe. In der bereits genannten retrospektiven Auswertung von Reyna und Kollegen (2026) berichteten alle sechs Personen der NAD+ Gruppe während der Infusion über mittelschwere bis schwere Bauchkrämpfe, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, erhöhte Herzfrequenz, Halsschmerzen, Verstopfung der Atemwege und Druckgefühl im Brustkorb. Diese Beschwerden endeten unmittelbar nach Abschluss der Infusion. In der NR Gruppe traten bei einem Teil der Personen leichtes Kribbeln an Zunge, Kiefer und Arm sowie leichte Krämpfe auf. Genau diese Beschwerden erklären, warum in der Praxis die Infusionsgeschwindigkeit reduziert wird und eine Infusion mehrere Stunden dauern kann.
Orale Vorstufen. In der achtwöchigen Studie von Conze und Kollegen (2019) unterschied sich die Häufigkeit unerwünschter Ereignisse zwischen NR und Placebo nicht bedeutsam, und es wurden keine Flush-Reaktionen berichtet. Das ist ein relevanter Unterschied zur Nicotinsäure (Niacin), bei der ein prostaglandinvermittelter Flush mit Hautrötung, Wärmegefühl und Juckreiz eine seit Langem bekannte und häufige Reaktion ist. Für NMN zeigten die Einzeldosis-Daten von Irie und Kollegen (2020) bei zehn gesunden Männern keine klinisch relevanten Auffälligkeiten von Vitalparametern, Schlafqualität oder Laborwerten.
Allgemeine Risiken injizierter Zubereitungen. Unabhängig vom Wirkstoff bringt jede Injektion eigene Risiken mit sich: lokale Infektionen, Einblutungen, Gewebereizungen sowie Risiken durch unsteril hergestellte oder falsch gelagerte Produkte. Hintergrundinformationen zu Haltbarkeit und korrekter Aufbewahrung lyophilisierter Substanzen finden Sie im Leitfaden zur Lagerung, allgemeine Hinweise zur Injektionspraxis im Beitrag zur Injektionstechnik.
Belastbare Langzeitsicherheitsdaten über Jahre existieren für keine der hier besprochenen Anwendungsformen. Personen mit bestehenden Erkrankungen, Schwangere, Stillende sowie Personen unter Dauermedikation sollten keine dieser Substanzen ohne ärztliche Abklärung anwenden. Dieser Beitrag enthält bewusst keine Dosierungsempfehlung und kein Anwendungsprotokoll.
Wie ist der regulatorische Status von NAD+ und seinen Vorstufen?
Der regulatorische Rahmen unterscheidet sich erheblich zwischen den einzelnen Substanzen und zwischen den Rechtsräumen. Er ändert sich zudem laufend, was bei Beiträgen zu diesem Thema häufig unterschlagen wird.
Nicotinamid-Ribosid in der EU. Nicotinamid-Ribosid-Chlorid wurde durch die Durchführungsverordnung (EU) 2020/16 vom 10. Januar 2020 als neuartiges Lebensmittel zugelassen, als Niacinquelle in Nahrungsergänzungsmitteln für die erwachsene Allgemeinbevölkerung mit einer Höchstmenge von 300 mg pro Tag. Später wurde eine Erweiterung der Verwendungsbedingungen beantragt und bewertet. NR ist damit in der EU die am klarsten geregelte der hier besprochenen NAD+ Vorstufen.
NMN. Die Lage ist uneinheitlich. In den Vereinigten Staaten informierte die FDA Ende 2022 mehrere Hersteller, dass NMN aufgrund vorheriger Arzneimitteluntersuchungen nicht als Nahrungsergänzungsmittelzutat zulässig sei. Nach einer Bürgerpetition von Branchenverbänden bestätigte die Behörde mit Schreiben vom 29. September 2025, dass NMN nicht von der Definition eines Nahrungsergänzungsmittels ausgeschlossen ist, und kehrte damit ihre frühere Position um. In der EU gilt NMN als neuartiges Lebensmittel, das den Zulassungsprozess durchlaufen muss. Prüfen Sie den jeweils aktuellen Stand, bevor Sie sich auf eine Angabe verlassen.
NAD+ selbst. NAD+ ist weder von der FDA noch von der EMA als Arzneimittel zur Verlangsamung von Alterungsprozessen, zur Steigerung der Energie oder für ähnliche Indikationen zugelassen. Infusionsangebote in Wellness- und Longevity-Kliniken bewegen sich außerhalb zugelassener Indikationen. Als Durchstechflaschen vertriebene NAD+ Produkte werden regelmäßig als Substanzen ausschließlich für Forschungszwecke deklariert und sind keine geprüften Arzneimittel. Aussagen zu Reinheit, Sterilität und Endotoxingehalt liegen dann allein beim Anbieter.
Der rechtliche Status variiert zusätzlich je nach Land, teils auch innerhalb eines Landes. Eine Übersicht zur Beschaffung und zu regionalen Unterschieden finden Sie in unserem separaten Beitrag zu NAD+ Bezugsquellen. Dieser Leitfaden bleibt bewusst rein informativ.
Was bleibt beim Thema NAD+ unbekannt?
Eine ehrliche Bilanz dieses Forschungsfeldes muss die offenen Fragen genauso deutlich benennen wie die Befunde. Die folgenden Punkte sind nach derzeitigem Stand ungeklärt:
- Blut ist nicht Gewebe. Dass orale Vorstufen NAD+ Biomarker im Blut anheben, ist mehrfach gezeigt worden. Ob dadurch der NAD+ Gehalt in Herz, Gehirn oder anderen Zielgeweben steigt, ist weit weniger klar. Yoshino und Kollegen fanden 2021 eine verbesserte Insulinsensitivität im Muskel, ohne dass eine Veränderung des NAD+ Gehalts im Muskel nachweisbar war.
- Klinische Endpunkte. Für gesunde Menschen fehlen große, lange randomisierte Studien, die harte Endpunkte wie Erkrankungshäufigkeit, funktionelle Leistungsfähigkeit oder Lebenserwartung untersuchen. Die vorhandenen Studien sind überwiegend klein und messen Biomarker.
- Kein direkter Vergleich. Es existiert keine publizierte randomisierte Studie, die eine NAD+ Injektion gegen eine orale Vorstufe an klinischen Endpunkten vergleicht. Aussagen über eine Überlegenheit der Injektion sind daher nicht evidenzbasiert.
- Ursache oder Folge. Ob ein niedriger NAD+ Spiegel Alterungsprozesse antreibt oder deren Folge ist, lässt sich aus Korrelationsdaten wie denen von Massudi und Kollegen (2012) nicht ableiten.
- Langzeitsicherheit. Es fehlen mehrjährige Sicherheitsdaten, insbesondere für wiederholte parenterale Gaben. Theoretische Überlegungen zu Methylgruppenverbrauch und zur Rolle des NAD+ Stoffwechsels in Tumorzellen werden in der Literatur diskutiert, ohne dass daraus derzeit gesicherte Schlussfolgerungen gezogen werden können.
- Wer profitiert. Der deutlichste Effekt einer NAD+ Anhebung wurde bislang bei einer definierten Erkrankung beobachtet, der mitochondrialen Myopathie (Pirinen und Kollegen, 2020). Ob Menschen ohne solche Defizite in vergleichbarem Ausmaß profitieren, ist offen.
NAD+ wird häufig im selben Atemzug mit Substanzen genannt, die tatsächlich Peptide sind. Eine Einordnung dieser Stoffgruppe finden Sie in unserer Übersicht zu Peptiden im Anti-Aging-Kontext, und einen konkreten Vertreter beschreibt der Leitfaden zu Epithalon.
Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Bildungs- und Informationszwecken. Er stellt keine medizinische Beratung dar, empfiehlt keine Dosierung und keine Anwendung. NAD+ ist nicht als Arzneimittel gegen Alterungsprozesse zugelassen. Besprechen Sie jede Anwendung vorab mit einer qualifizierten medizinischen Fachperson, und beachten Sie die in Ihrem Land geltenden rechtlichen Bestimmungen.
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Häufige Fragen zu NAD Injektionen
Ist NAD+ ein Peptid?
Wirken NAD+ Injektionen besser als orale Vorstufen?
Welche Dosis NAD+ sollte man injizieren?
Warum fühlen sich viele Menschen während einer NAD+ Infusion unwohl?
Sind NMN und Nicotinamid-Ribosid in Europa legal erhältlich?
Sinkt NAD+ bei allen Menschen gleich stark?
Kann man seinen NAD+ Spiegel messen lassen?
Wo finde ich Informationen zu Bezugsquellen für NAD+?
Quellen
- Covarrubias AJ, Perrone R, Grozio A, Verdin E (2021). NAD+ metabolism and its roles in cellular processes during ageing. Nature Reviews Molecular Cell Biology (PMID 33353981).
- Massudi H, Grant R, Braidy N, Guest J, Farnsworth B, Guillemin GJ (2012). Age-associated changes in oxidative stress and NAD+ metabolism in human tissue. PLOS ONE (PMID 22848760).
- Trammell SAJ, Schmidt MS, Weidemann BJ, et al. (2016). Nicotinamide riboside is uniquely and orally bioavailable in mice and humans. Nature Communications (PMID 27721479).
- Conze D, Brenner C, Kruger CL (2019). Safety and Metabolism of Long-term Administration of NIAGEN (Nicotinamide Riboside Chloride) in a Randomized, Double-Blind, Placebo-controlled Clinical Trial of Healthy Overweight Adults. Scientific Reports (PMID 31278280).
- Martens CR, Denman BA, Mazzo MR, et al. (2018). Chronic nicotinamide riboside supplementation is well-tolerated and elevates NAD+ in healthy middle-aged and older adults. Nature Communications.
- Elhassan YS, Kluckova K, Fletcher RS, et al. (2019). Nicotinamide Riboside Augments the Aged Human Skeletal Muscle NAD+ Metabolome and Induces Transcriptomic and Anti-inflammatory Signatures. Cell Reports (PMID 31412242).
- Irie J, Inagaki E, Fujita M, et al. (2020). Effect of oral administration of nicotinamide mononucleotide on clinical parameters and nicotinamide metabolite levels in healthy Japanese men. Endocrine Journal (PMID 31685720).
- Yoshino M, Yoshino J, Kayser BD, et al. (2021). Nicotinamide mononucleotide increases muscle insulin sensitivity in prediabetic women. Science (PMID 33888596).
- Pirinen E, Auranen M, Khan NA, et al. (2020). Niacin Cures Systemic NAD+ Deficiency and Improves Muscle Performance in Adult-Onset Mitochondrial Myopathy. Cell Metabolism (PMID 32386566).
- Grant R, Berg J, Mestayer R, Braidy N, Bennett J, Broom S, Watson J (2019). A Pilot Study Investigating Changes in the Human Plasma and Urine NAD+ Metabolome During a 6 Hour Intravenous Infusion of NAD+. Frontiers in Aging Neuroscience (PMID 31572171).
- Reyna K, Heinzen G, Patel N, Ritter M, Siojo A, Legere H, Pojednic R (2026). Intravenous infusion of nicotinamide adenine dinucleotide (NAD+) versus nicotinamide riboside (NR): a retrospective tolerability pilot study in a real-world setting. Frontiers in Aging.
- de Mello Gindri I, Ferrari G, Pinto LPS, Bicca J, dos Santos IK, Dallacosta D, de Mello Roesler CR (2023). Evaluation of safety and effectiveness of NAD in different clinical conditions: a systematic review. American Journal of Physiology: Endocrinology and Metabolism (PMID 37971292).