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IGF-1
LR3

IGF-1 LR3

Long Arg3 Insulin-like Growth Factor-I (LongR3 IGF-I)

9117.60 g/mol Molekulargewicht
C₄₀₀H₆₂₅N₁₁₁O₁₁₅S₉ Summenformel
Forschungssubstanz ohne Zulassung für den Menschen, überwiegend in der Zellkultur eingesetzt Status
83 Aminosäuren: vollständige humane IGF-1-Sequenz (70 Aminosäuren) mit Arginin anstelle von Glutaminsäure an Position 3, ergänzt um eine N-terminale Verlängerung von 13 Aminosäuren (MFPAMPLSSLFVN)
IGF-1 LR3 Photo: George Shervashidze

Was ist IGF-1 LR3?

IGF-1 LR3, korrekt als Long Arg3 Insulin-like Growth Factor-I oder LongR3 IGF-I bezeichnet, ist ein rekombinant hergestelltes Analogon des menschlichen insulinähnlichen Wachstumsfaktors 1. Es handelt sich nicht um ein Peptid im engeren Sinne, sondern um ein kleines Protein aus 83 Aminosäuren mit einem Molekulargewicht von rund 9 118 g/mol. Zum Vergleich: natives humanes IGF-1 besteht aus 70 Aminosäuren und wiegt etwa 7 649 g/mol.

Zwei gezielte Veränderungen unterscheiden das Molekül vom Original. Erstens wurde an Position 3 die Glutaminsäure durch Arginin ersetzt. Zweitens trägt das Molekül am N-Terminus eine Verlängerung um 13 Aminosäuren, die von der Sequenz des methionyl-porcinen Wachstumshormons abgeleitet ist. Beide Modifikationen verfolgen dasselbe Ziel: die Affinität zu den IGF-Bindungsproteinen zu senken, ohne die Bindung an den IGF-1-Rezeptor zu zerstören.

Der biologische Hintergrund dafür ist gut untersucht. Im Blut und im Gewebe liegt IGF-1 fast vollständig an eine Familie von sechs hochaffinen Bindungsproteinen gebunden vor, die IGFBP-1 bis IGFBP-6. Diese Proteine wurden ursprünglich als reine Transportmoleküle und passive Hemmstoffe verstanden, gelten heute aber als flexible endokrine und parakrine Regulatoren, die die IGF-Wirkung sowohl abschwächen als auch verstärken können und zusätzlich IGF-unabhängige Effekte besitzen (Bach, 2018). Wer die IGFBP-Bindung reduziert, greift also nicht in einen simplen Schalter ein, sondern in ein fein reguliertes Netzwerk.

Die entscheidende Einordnung gleich zu Beginn: IGF-1 LR3 ist ein Forschungsprodukt. Es besitzt keine arzneimittelrechtliche Zulassung für die Anwendung am Menschen, weder in den USA noch in der EU. Kommerziell wird es überwiegend als Zellkultur-Zusatz vertrieben, mit dem Vermerk, dass es nicht für diagnostische oder therapeutische Zwecke bestimmt ist. Dieser Artikel dient ausschließlich Bildungszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Wie unterscheidet sich IGF-1 LR3 von nativem IGF-1 und von IGF-1 DES?

In der Literatur tauchen regelmäßig drei verwandte Moleküle nebeneinander auf: natives IGF-1, des(1-3)IGF-1 (häufig als IGF-1 DES abgekürzt) und LR3IGF-1. Alle drei binden an denselben Rezeptor, unterscheiden sich aber deutlich darin, wie stark sie von den Bindungsproteinen abgefangen werden.

Natives IGF-1 wird im Blut nahezu vollständig von IGFBPs gebunden, allen voran von IGFBP-3 im ternären Komplex mit der säurelabilen Untereinheit. Bei des(1-3)IGF-1 fehlen die ersten drei Aminosäuren des N-Terminus, was die IGFBP-Affinität drastisch senkt. LR3IGF-1 erreicht ein ähnliches Ziel über einen anderen Weg, nämlich über die Kombination aus Arg3-Substitution und N-terminaler Verlängerung.

Die klassische Vergleichsarbeit stammt von Francis und Kollegen, die mehrere rekombinante Fusionsprotein-Analoga in Zellsystemen testeten. In Zelllinien, die IGF-Bindungsproteine ins Medium sezernieren, ergab sich folgende Reihenfolge der biologischen Potenz: Long[Arg3]IGF-I und des(1-3)IGF-I an der Spitze, gefolgt von Long[Gly3]IGF-I, dann Long IGF-I und zuletzt natives IGF-1 (Francis et al., 1992). Genau diese Beobachtung begründete die These, dass nicht die Rezeptorbindung, sondern das Ausweichen vor den IGFBPs den Potenzunterschied erklärt.

Wichtig ist die Einschränkung, die aus dem Studiendesign folgt: Der Potenzvorteil zeigte sich in Systemen mit Bindungsproteinen. In einem Umfeld ohne nennenswerte IGFBP-Konzentration verschwindet der theoretische Vorteil weitgehend, weil beide Moleküle denselben Rezeptor mit ähnlicher Affinität ansprechen. Aus dieser Logik ergibt sich auch, warum LongR3 IGF-1 gerade in der serumfreien Zellkultur so populär wurde.

Eine dritte Abgrenzung betrifft die Herkunft der Moleküle. Natives IGF-1 wird vor allem in der Leber unter dem Einfluss des Wachstumshormons gebildet und zirkuliert in nanomolaren Konzentrationen. LR3IGF-1 und des(1-3)IGF-1 kommen im menschlichen Körper nicht vor, sondern werden biotechnologisch in E. coli exprimiert. Sie sind Werkzeuge, keine physiologischen Signalmoleküle.

Was unterscheidet IGF-1 LR3 von Mecasermin, dem zugelassenen IGF-1-Arzneimittel?

Diese Unterscheidung wird online häufig verwischt, ist aber die regulatorisch wichtigste des ganzen Themas. Mecasermin ist rekombinantes humanes IGF-1, also die exakte native Sequenz aus 70 Aminosäuren ohne jede Modifikation. Es ist ein zugelassenes Arzneimittel und wird unter dem Handelsnamen Increlex vertrieben.

Das Anwendungsgebiet ist eng definiert: Mecasermin ist für das Wachstumsversagen bei Kindern und Jugendlichen mit schwerem primärem IGF-1-Mangel zugelassen, also für eine seltene Erkrankung, bei der die Leber trotz vorhandenem oder erhöhtem Wachstumshormon kein ausreichendes IGF-1 produziert. Die Behandlung erfolgt unter endokrinologischer Kontrolle, und Hypoglykämie zählt zu den bekannten unerwünschten Wirkungen, weshalb die Anwendung an Mahlzeiten gekoppelt und die Blutzuckerkontrolle Teil des Therapieplans ist (Australian Prescriber, 2022).

IGF-1 LR3 dagegen hat keine Zulassung, in keinem Land, für keine Indikation am Menschen. Es existiert kein Beipackzettel, keine von einer Behörde geprüfte Nutzen-Risiko-Bewertung, keine pharmazeutische Qualitätssicherung im Sinne eines Arzneimittels und keine belastbare Humanstudie zur Sicherheit. Produkte, die als IGF-1 LR3 verkauft werden, unterliegen keiner Arzneimittelaufsicht, sodass Identität, Reinheit, Endotoxingehalt und tatsächlicher Gehalt der Ampullen nicht behördlich garantiert sind.

Die Konsequenz für die Interpretation der Literatur ist erheblich. Daten zu Mecasermin lassen sich nicht einfach auf IGF-1 LR3 übertragen: Die beiden Moleküle unterscheiden sich in Größe, Bindungsverhalten, Verteilung und Clearance. Umgekehrt sagen Tierdaten zu LR3IGF-1 nichts über die Sicherheit einer Anwendung am Menschen aus. Wer mit dem Thema in Berührung kommt, sollte grundsätzlich eine Ärztin oder einen Arzt einbeziehen; weiterführende Überlegungen zur Sicherheitsbewertung von Forschungspeptiden finden Sie in unserem Artikel zur Sicherheit von Peptiden.

Wie ordnet sich IGF-1 LR3 in die GH/IGF-1-Achse ein?

Die somatotrope Achse funktioniert in drei Stufen. Der Hypothalamus setzt GHRH frei und hemmt über Somatostatin, die Hypophyse schüttet daraufhin pulsatil Wachstumshormon (GH) aus, und GH stimuliert vor allem in der Leber die Bildung von IGF-1. IGF-1 vermittelt einen großen Teil der anabolen GH-Wirkungen und meldet gleichzeitig über eine negative Rückkopplung an Hypothalamus und Hypophyse zurück, dass genug Signal vorhanden ist.

Substanzen, die als Sekretagoga bezeichnet werden, greifen an der oberen Stufe dieser Achse an. GHRH-Analoga wie CJC-1295 oder Tesamorelin sowie Ghrelin-Rezeptor-Agonisten wie Ipamorelin und GHRP-2 modulieren die körpereigene GH-Ausschüttung und damit indirekt den IGF-1-Spiegel. Das Muster bleibt dabei pulsatil, und die physiologischen Rückkopplungsschleifen bleiben grundsätzlich intakt.

IGF-1 LR3 wirkt völlig anders: Es umgeht die gesamte Regulationskaskade und setzt direkt am IGF-1-Rezeptor an. Damit entfällt die pulsatile Charakteristik ebenso wie die Pufferwirkung der Bindungsproteine, die physiologisch bestimmt, wie viel freier Ligand wann am Rezeptor ankommt. Genau das macht das Molekül in der Zellkultur nützlich und in einem intakten Organismus schwer kalkulierbar.

Dass diese Umgehung Konsequenzen hat, zeigt eine Arbeit an Schweinen besonders anschaulich. Eine viertägige Infusion von Long[R3]IGF-1 mit 180 µg/kg pro Tag senkte die tägliche Gewichtszunahme und die Futteraufnahme und reduzierte gleichzeitig die Plasmakonzentrationen von IGFBP-3, endogenem IGF-1 und Insulin. Die mittlere GH-Konzentration im Plasma fiel um 23 Prozent, die Fläche unter den GH-Pulsen um 60 Prozent (Dunaiski et al., 1997). Ein exogenes IGF-1-Analogon kann die körpereigene Achse also messbar herunterregulieren, statt sie zu unterstützen. Wie sich hormonell wirksame Ansätze grundsätzlich von anabolen Steroiden unterscheiden, ordnen wir im Beitrag Peptide versus Steroide ein.

Was zeigen die Zellkulturdaten zu IGF-1 LR3?

Der am besten dokumentierte Einsatzbereich von LongR3 IGF-1 liegt nicht in der Physiologie, sondern in der Biotechnologie. In serumfreien Medien benötigen Säugerzellen ein mitogenes und antiapoptotisches Signal, das traditionell durch Insulin in vergleichsweise hoher Konzentration bereitgestellt wird. LongR3 IGF-1 erfüllt diese Funktion bei einem Bruchteil der Konzentration.

Morris und Schmid untersuchten zwei rekombinante CHO-Zelllinien (Chinese Hamster Ovary) in serumfreier Kultur und verglichen Insulin mit LongR3 IGF-1. Beide Zusätze unterstützten Wachstum und Produktbildung, doch die Wachstumspotenz von LongR3 war deutlich höher, sodass wesentlich niedrigere Konzentrationen ausreichten. Zusätzlich hielt LongR3 die Zellviabilität unter Produktionsbedingungen besser aufrecht als Insulin (Morris und Schmid, 2000).

Diese Befunde erklären den industriellen Reiz: Ein rekombinant in E. coli hergestellter Zusatz ersetzt ein tierisches Rohmaterial, senkt die Proteinlast im Medium und erleichtert damit die spätere Aufreinigung des eigentlichen Produkts. Aus regulatorischer Sicht ist das ein Vorteil in der Herstellung von Biopharmazeutika, nicht eine Aussage über eine Wirkung im Menschen.

Für die Interpretation ist entscheidend, den Kontext mitzudenken. Eine Zellkulturschale ist ein geschlossenes System ohne Leber, ohne Niere, ohne Rückkopplung und mit einer definierten, meist sehr niedrigen IGFBP-Konzentration. Effekte, die dort sauber messbar sind, lassen sich nicht auf ein Gewebe im lebenden Organismus übertragen, in dem lokale IGFBP-Profile, Proteasen und konkurrierende Signalwege das Ergebnis bestimmen. Zellkulturdaten sind damit ein Beleg für ein Wirkprinzip, nicht für einen Nutzen.

Ein zweiter Punkt betrifft die Sprache in der Vermarktung. Aussagen wie hundertfach potenter beziehen sich in der Originalliteratur auf molare Konzentrationen in einem bestimmten in-vitro-Assay gegenüber Insulin oder gegenüber nativem IGF-1 in IGFBP-haltigem Medium. Sie beschreiben kein Verhältnis von Wirksamkeit im Organismus und erst recht keinen Sicherheitsabstand. Wer sich für den Forschungsstand zu Muskelaufbau und Regeneration interessiert, findet einen breiteren Überblick in unserem Artikel zu Peptiden für Muskelwachstum und Regeneration.

Was zeigen die Tierstudien zu IGF-1 LR3?

Die aussagekräftigsten in-vivo-Daten stammen aus den 1990er Jahren, überwiegend aus der australischen Arbeitsgruppe um Ballard, Tomas und Walton. Untersucht wurden Ratten, Schweine, Meerschweinchen und Weißbüschelaffen, meist in katabolen Modellen wie Dexamethason-Behandlung, Diabetes oder parenteraler Ernährung.

Der zentrale Befund aus dem Rattenmodell: LR3IGF-1 besitzt im Vergleich zu nativem IGF-1 eine sehr niedrige Affinität zu den IGF-Bindungsproteinen und wird deshalb schneller aus der Zirkulation entfernt. Trotz dieser rascheren Clearance blieb die überlegene anabole Potenz erhalten, und zwar nicht nur bei kontinuierlicher Infusion, sondern auch bei Verabreichung als Injektion (Tomas et al., 1996). Die Kombination aus kürzerer Verweildauer im Blut und höherer Wirksamkeit spricht dafür, dass die freie Fraktion und der Gewebezugang entscheidender sind als die Plasmaverweildauer.

In diabetischen Ratten stellten Versuche mit des(1-3)IGF-1 und LR3-IGF-1 fest, dass beide Varianten das Wachstum wiederherstellten und dabei 2,5- bis 3-mal potenter waren als natives IGF-1. Gleichzeitig traten nicht alle charakteristischen Insulineffekte auf, was auf ein teilweise abweichendes Wirkprofil hindeutet.

Die Schweinedaten liefern das nötige Gegengewicht. Wie im vorigen Abschnitt beschrieben, führte eine viertägige Infusion von Long[R3]IGF-1 zu geringerer Gewichtszunahme, geringerer Futteraufnahme und einer deutlichen Suppression von GH, IGFBP-3, endogenem IGF-1 und Insulin (Dunaiski et al., 1997). Dasselbe Molekül wirkt je nach Spezies, Dosisbereich, Ernährungszustand und Applikationsdauer anabol oder kontraproduktiv.

Für die Übertragung auf den Menschen bleiben die üblichen Einschränkungen bestehen und sie wiegen hier besonders schwer. Die Zusammensetzung der zirkulierenden IGFBPs unterscheidet sich zwischen Spezies erheblich, was bei einem Molekül, dessen ganzes Konstruktionsprinzip auf der IGFBP-Bindung beruht, unmittelbar auf die Pharmakologie durchschlägt. Die genannten Studien wurden zudem an gesunden oder gezielt katabol gemachten Versuchstieren durchgeführt, nicht an trainierenden erwachsenen Menschen. Kontrollierte klinische Studien mit IGF-1 LR3 am Menschen liegen nicht vor.

Was ist zur Wirkdauer von IGF-1 LR3 tatsächlich bekannt?

Zu kaum einem anderen Punkt kursieren so viele unbelegte Zahlen. Auf Verkaufs- und Forenseiten liest man regelmäßig konkrete Angaben zur Halbwertszeit von IGF-1 LR3 beim Menschen, häufig im Bereich von etwa 20 bis 30 Stunden. Für diese Werte existiert nach heutigem Stand keine auffindbare publizierte Primärstudie. Sie werden von Seite zu Seite kopiert, ohne dass jemals eine Quelle genannt wird.

Aus diesem Grund nennt dieser Artikel bewusst keinen eigenen Zahlenwert. Eine Halbwertszeitangabe ohne verifizierbare humanpharmakokinetische Studie ist keine Information, sondern eine Behauptung mit Nachkommastelle.

Was belegt ist, verläuft sogar in die entgegengesetzte Richtung. In der Ratte wird LR3IGF-1 wegen seiner sehr geringen IGFBP-Affinität schneller aus dem Blut entfernt als natives IGF-1 (Tomas et al., 1996). Das ist physiologisch plausibel: Die Bindung an IGFBP-3 im ternären Komplex ist genau der Mechanismus, der natives IGF-1 im Kreislauf hält und vor renaler Filtration schützt. Ein Molekül, das dieser Bindung ausweicht, verliert damit auch seinen Depot-Effekt.

Die verbreitete Erzählung, die N-terminale Verlängerung verleihe dem Molekül eine lange Wirkdauer, verwechselt zwei verschiedene Dinge: die Verweildauer im Plasma und die Potenz am Rezeptor. Die Modifikationen erhöhen die verfügbare freie Fraktion, sie verlängern aber nicht automatisch die Zirkulationszeit.

Die einzige Arbeit, die LongR3-IGF-1 systematisch im Blut nachverfolgt hat, stammt aus der Dopinganalytik. Mongongu und Kollegen entwickelten eine Methode aus Immunaufreinigung und hochauflösender Massenspektrometrie und zeigten, dass LongR3-IGF-I, Des(1-3)-IGF-I und R3-IGF-I nach einer einmaligen intramuskulären Gabe bei Ratten sowie in Vollblut von Ratte und Mensch in vitro nachweisbar sind (Mongongu et al., 2021). Das ist eine analytische Machbarkeitsstudie, keine Pharmakokinetik-Studie am Menschen, liefert aber die derzeit beste methodische Grundlage für den Nachweis.

Praktische Fragen zur Zubereitung im Labor behandelt dieser Leitfaden bewusst nicht. Wer damit arbeitet, findet die entsprechenden Angaben im IGF-1 LR3 Rechner.

Welche Risiken werden in der Literatur diskutiert?

Da kontrollierte Humanstudien zu IGF-1 LR3 fehlen, lässt sich kein Sicherheitsprofil im pharmakologischen Sinn beschreiben. Was sich beschreiben lässt, sind die Risiken, die sich aus der Pharmakologie der IGF-1-Rezeptorachse und aus der Literatur zu verwandten Molekülen ergeben. Die folgenden Punkte sind Diskussionsgegenstände der Fachliteratur, keine Häufigkeitsangaben.

Hypoglykämie. Der IGF-1-Rezeptor ist dem Insulinrezeptor strukturell eng verwandt, und IGF-1 besitzt in höheren Konzentrationen eine insulinartige, blutzuckersenkende Wirkung. Für Mecasermin ist Hypoglykämie eine dokumentierte unerwünschte Wirkung, die das Behandlungsregime mitbestimmt (Australian Prescriber, 2022). Bei den IGFBP-armen Analoga ist dieser Effekt in Tierversuchen sogar ausgeprägter: Tomas und Kollegen verglichen an Schweinen natives IGF-1 mit des(1-3)IGF-I, Long-IGF-I, R3IGF-I und LR3IGF-I sowie mit Insulin und fanden für die Varianten mit reduzierter IGFBP-Affinität eine stärkere und länger anhaltende blutzuckersenkende Wirkung als für natives IGF-1 (Tomas et al., 1997). Ein Molekül, das der IGFBP-Pufferung entgeht, erzeugt entsprechend schlechter vorhersehbare Blutzuckerverläufe.

Unterdrückung der eigenen Achse. Die oben beschriebenen Schweinedaten zeigen eine deutliche Senkung von GH, IGFBP-3, endogenem IGF-1 und Insulin unter Long[R3]IGF-1-Infusion (Dunaiski et al., 1997). Eine exogene Zufuhr kann die physiologische Regulation also dämpfen statt ergänzen.

Proliferative Signalwege und die Krebsfrage. Der IGF-1-Rezeptor aktiviert unter anderem den PI3K/Akt- und den MAPK-Weg, die Zellproliferation fördern und Apoptose hemmen. Epidemiologisch fand die Metaregressionsanalyse von Renehan und Kollegen einen Zusammenhang zwischen hohen zirkulierenden IGF-1-Konzentrationen und einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs und prämenopausalen Brustkrebs, während hohe IGFBP-3-Konzentrationen mit einem erhöhten Risiko für prämenopausalen Brustkrebs assoziiert waren (Renehan et al., 2004). Diese Befunde betreffen natürliche Schwankungen endogener IGF-1-Spiegel in Beobachtungsstudien. Sie zeigen eine Assoziation, keine Kausalität, und sie sagen nichts über die Wirkung eines exogenen Analogons aus. Genau deshalb wird die Frage in der Literatur als offen und vorsichtig zu behandeln geführt, nicht als geklärt in die eine oder andere Richtung.

Produktqualität. Ein Risiko, das nichts mit der Molekülpharmakologie zu tun hat, aber praktisch bedeutsam ist: Präparate außerhalb der Arzneimittelaufsicht unterliegen keiner behördlich geprüften Kontrolle von Identität, Reinheit, Sterilität oder Endotoxingehalt. Bei einem in Bakterien exprimierten Protein ist das kein theoretischer Punkt.

Dieser Abschnitt dient der Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei allen Fragen zu Hormonen, Stoffwechsel oder Wachstumsfaktoren wenden Sie sich bitte an medizinisches Fachpersonal.

Wie ist der Anti-Doping-Status von IGF-1 LR3?

Der Status ist eindeutig. Die Welt-Anti-Doping-Agentur führt Wachstumsfaktoren im Abschnitt S2 (Peptidhormone, Wachstumsfaktoren, verwandte Substanzen und Mimetika) ihrer Verbotsliste. In der Fassung für 2026 sind Wachstumsfaktoren und Wachstumsfaktor-Modulatoren als Unterabschnitt S2.3 aufgeführt, und der Eintrag nennt ausdrücklich Insulin-like Growth Factor 1 (IGF-1, Mecasermin) und seine Analoga.

Die Formulierung und seine Analoga ist der entscheidende Teil. IGF-1 LR3 fällt damit unabhängig davon unter das Verbot, dass es namentlich gelistet wird. Dieselbe Kategorie umfasst unter anderem Mechano Growth Factors (MGF), Thymosin-β4 und seine Derivate, PDGF, VEGF, HGF und die Fibroblasten-Wachstumsfaktoren.

Substanzen der Klasse S2 sind jederzeit verboten, also im Wettkampf und außerhalb des Wettkampfs. Es gibt keine Schwellenkonzentration und keine Toleranz für eine angeblich geringe Menge. Die Verbotsliste wird jährlich überarbeitet und tritt in der Regel zum 1. Januar in Kraft, weshalb Athletinnen und Athleten sowie Betreuerteams den Status vor jeder Entscheidung an der jeweils aktuellen Originalfassung der WADA prüfen sollten.

Analytisch ist der Nachweis kein theoretisches Problem mehr. Die Methode von Mongongu und Kollegen kombiniert Immunaufreinigung mit nano-LC und hochauflösender Massenspektrometrie und konnte LongR3-IGF-I, Des(1-3)-IGF-I und R3-IGF-I sowohl nach einmaliger intramuskulärer Gabe bei Ratten als auch in vitro in Vollblut nachweisen (Mongongu et al., 2021). Die Analoga unterscheiden sich durch ihre veränderte Sequenz massenspektrometrisch klar vom endogenen IGF-1, was den Nachweis gegenüber körpereigenen Hormonen sogar erleichtert.

Über den Sport hinaus variiert der rechtliche Status je nach Land. In vielen Rechtsordnungen ist der Vertrieb ausschließlich als Laborreagenz zulässig, während Einfuhr, Besitz oder Abgabe zur Anwendung am Menschen arzneimittel- oder dopingrechtlich relevant sein können. Informieren Sie sich über die konkrete Rechtslage an Ihrem Wohnort.

Was bleibt beim IGF-1 LR3 unbekannt?

Ein ehrlicher Leitfaden benennt die Lücken so klar wie die Befunde. Bei IGF-1 LR3 sind die Lücken groß und betreffen ausgerechnet die Fragen, die für Menschen außerhalb des Labors am wichtigsten wären.

  • Humanpharmakokinetik: Es gibt keine publizierte Studie, die Resorption, Verteilung, Metabolisierung und Elimination von IGF-1 LR3 beim Menschen systematisch beschreibt. Damit fehlt die Grundlage für jede Aussage zu Wirkdauer, Akkumulation oder Steuerbarkeit.
  • Wirksamkeit am Menschen: Es liegen keine kontrollierten klinischen Studien zu Muskelmasse, Kraft, Körperzusammensetzung, Sehnen- oder Gewebeheilung vor. Die gesamte anabole Evidenz stammt aus Zellsystemen sowie aus Nagetier-, Schweine- und Primatenmodellen, überwiegend in katabolen Zuständen und mit gemischten Ergebnissen.
  • Langzeitsicherheit: Ohne Humandaten existieren keine Aussagen zu chronischer Anwendung, zur Erholung der GH/IGF-1-Achse nach Absetzen, zu Effekten auf die Glukosetoleranz über Monate oder zu langfristigen proliferativen Risiken.
  • Gewebespezifische Verteilung: Wie viel eines exogen zugeführten IGFBP-armen Analogons tatsächlich in Skelettmuskel, Sehne oder Knochen ankommt, und wie sich das von nativem IGF-1 unterscheidet, ist beim Menschen nicht quantifiziert.
  • Produktidentität: Unabhängige Analysen frei verkäuflicher Präparate sind selten. Ob ein bestimmtes Produkt die deklarierte Menge des deklarierten Moleküls in der deklarierten Reinheit enthält, lässt sich ohne eigene Analytik nicht feststellen.

Der belastbare Kern ist damit überschaubar: IGF-1 LR3 ist ein gut charakterisiertes molekulares Werkzeug mit klarem Wirkprinzip und einem etablierten, industriell bedeutsamen Einsatz in der Zellkultur. Die Struktur-Wirkungs-Beziehung zwischen IGFBP-Affinität und biologischer Potenz gehört zu den solide belegten Erkenntnissen der IGF-Forschung.

Alles, was darüber hinaus über eine Anwendung am Menschen behauptet wird, ist derzeit Extrapolation aus Zellkultur- und Tierdaten. Diese Inhalte dienen ausschließlich Bildungszwecken. IGF-1 LR3 ist nicht für die Anwendung am Menschen zugelassen, der rechtliche Status unterscheidet sich je nach Land, und alle gesundheitlichen Fragen gehören in die Hand von qualifiziertem medizinischem Fachpersonal.

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Häufige Fragen zu IGF-1 LR3

Ist IGF-1 LR3 dasselbe wie IGF-1?
Nein. Natives humanes IGF-1 besteht aus 70 Aminosäuren. IGF-1 LR3 besteht aus 83 Aminosäuren: Es trägt Arginin statt Glutaminsäure an Position 3 und zusätzlich eine N-terminale Verlängerung um 13 Aminosäuren. Diese Veränderungen senken die Bindung an die IGF-Bindungsproteine erheblich. IGF-1 LR3 kommt im menschlichen Körper nicht vor, es ist ein gentechnisch hergestelltes Laborreagenz.
Ist IGF-1 LR3 für den Menschen zugelassen?
Nein. Weder die FDA noch die EMA haben IGF-1 LR3 für irgendeine Indikation beim Menschen zugelassen. Zugelassen ist ausschließlich Mecasermin, das rekombinante native IGF-1, und zwar für das Wachstumsversagen bei Kindern mit schwerem primärem IGF-1-Mangel. IGF-1 LR3 wird als Substanz für Forschungszwecke vertrieben, überwiegend als Zusatz für serumfreie Zellkulturmedien. Besprechen Sie gesundheitliche Fragen immer mit medizinischem Fachpersonal.
Wie lange wirkt IGF-1 LR3 im Körper?
Dafür gibt es keine belastbare Antwort. Es existiert keine publizierte humanpharmakokinetische Studie zu IGF-1 LR3, und die im Internet kursierenden Zahlenwerte lassen sich auf keine Primärquelle zurückführen. Belegt ist lediglich, dass LR3IGF-1 im Rattenmodell wegen seiner sehr geringen Bindungsproteinaffinität schneller aus dem Blut entfernt wird als natives IGF-1. Die Vorstellung, die Modifikationen verlängerten automatisch die Wirkdauer, ist mit diesen Daten nicht vereinbar.
Worin unterscheidet sich IGF-1 LR3 von IGF-1 DES?
Beide Analoga verfolgen dasselbe Ziel über verschiedene Wege. Bei des(1-3)IGF-1 fehlen die ersten drei Aminosäuren am N-Terminus, bei IGF-1 LR3 kommen eine Substitution an Position 3 und eine N-terminale Verlängerung hinzu. In Zellsystemen mit Bindungsproteinen im Medium erwiesen sich beide als potenter als natives IGF-1, wobei Long[Arg3]IGF-I und des(1-3)IGF-I in der Untersuchung von Francis und Kollegen an der Spitze lagen.
Wirkt IGF-1 LR3 anders als GH-Sekretagoga wie CJC-1295 oder Ipamorelin?
Ja, grundlegend anders. Sekretagoga modulieren die körpereigene Ausschüttung von Wachstumshormon aus der Hypophyse und wirken damit oberhalb der Kaskade, unter Erhalt des pulsatilen Musters und der Rückkopplungsschleifen. IGF-1 LR3 überspringt diese gesamte Regulation und bindet direkt an den IGF-1-Rezeptor. Tierdaten an Schweinen zeigen, dass eine solche exogene Zufuhr die körpereigene GH/IGF-1-Achse messbar unterdrücken kann.
Kann IGF-1 LR3 den Blutzucker senken?
Der IGF-1-Rezeptor ist dem Insulinrezeptor strukturell verwandt, und IGF-1 hat eine insulinartige, blutzuckersenkende Wirkung. Bei Mecasermin ist Hypoglykämie eine dokumentierte unerwünschte Wirkung. In Tierversuchen zeigten Varianten mit geringer Bindungsproteinaffinität, darunter LR3IGF-I, eine stärkere und länger anhaltende blutzuckersenkende Wirkung als natives IGF-1. Für den Menschen liegen zu IGF-1 LR3 keine entsprechenden kontrollierten Daten vor.
Erhöht IGF-1 LR3 das Krebsrisiko?
Das lässt sich mit den vorhandenen Daten nicht beantworten, weder bejahend noch verneinend. Bekannt ist, dass der IGF-1-Rezeptor proliferationsfördernde Signalwege aktiviert und dass Beobachtungsstudien hohe endogene IGF-1-Spiegel mit einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs und prämenopausalen Brustkrebs in Verbindung bringen. Das ist eine Assoziation bei natürlichen Spiegelschwankungen, kein Kausalitätsnachweis und keine Aussage über ein exogenes Analogon. Die Frage gilt in der Fachliteratur als offen und wird entsprechend vorsichtig behandelt.
Ist IGF-1 LR3 im Sport verboten?
Ja. Die WADA führt IGF-1 und seine Analoga im Abschnitt S2 der Verbotsliste, im Unterabschnitt zu Wachstumsfaktoren und Wachstumsfaktor-Modulatoren. Substanzen dieser Klasse sind jederzeit verboten, im Wettkampf wie außerhalb. Analytische Verfahren aus Immunaufreinigung und hochauflösender Massenspektrometrie können LongR3-IGF-I vom endogenen IGF-1 unterscheiden. Prüfen Sie den aktuellen Status immer in der jeweils gültigen Originalfassung der WADA-Verbotsliste.

Quellen

  1. Francis GL, Ross M, Ballard FJ, et al. (1992). Novel recombinant fusion protein analogues of insulin-like growth factor (IGF)-I indicate the relative importance of IGF-binding protein and receptor binding for enhanced biological potency. Journal of Molecular Endocrinology 8(3):213-223.
  2. Tomas FM, Lemmey AB, Read LC, Ballard FJ (1996). Superior potency of infused IGF-I analogues which bind poorly to IGF-binding proteins is maintained when administered by injection. Journal of Endocrinology 150:77-84.
  3. Tomas FM, Walton PE, Dunshea FR, Ballard FJ (1997). IGF-I variants which bind poorly to IGF-binding proteins show more potent and prolonged hypoglycaemic action than native IGF-I in pigs and marmoset monkeys. Journal of Endocrinology 155(2):377-386.
  4. Dunaiski V, Dunshea FR, Walton PE, Goddard C (1997). Long [R3] insulin-like growth factor-I reduces growth, plasma growth hormone, IGF binding protein-3 and endogenous IGF-I concentrations in pigs. Journal of Endocrinology 155(3).
  5. Morris AE, Schmid J (2000). Effects of insulin and LongR(3) on serum-free Chinese hamster ovary cell cultures expressing two recombinant proteins. Biotechnology Progress 16:693-697.
  6. Mongongu C, Coudoré F, Domergue V, Ericsson M, Buisson C, Marchand A (2021). Detection of LongR3-IGF-I, Des(1-3)-IGF-I, and R3-IGF-I using immunopurification and high resolution mass spectrometry for antidoping purposes. Drug Testing and Analysis 13(7):1256-1269.
  7. Renehan AG, Zwahlen M, Minder C, O'Dwyer ST, Shalet SM, Egger M (2004). Insulin-like growth factor (IGF)-I, IGF binding protein-3, and cancer risk: systematic review and meta-regression analysis. The Lancet 363(9418):1346-1353.
  8. Australian Prescriber (2022). Mecasermin for primary insulin-like growth factor-1 deficiency. Australian Prescriber 45(6):215.
  9. Bach LA (2018). 40 YEARS OF IGF1: IGF-binding proteins. Journal of Molecular Endocrinology 61(1):T11-T28.
  10. World Anti-Doping Agency (2026). World Anti-Doping Code International Standard, Prohibited List 2026 (S2. Peptide Hormones, Growth Factors, Related Substances and Mimetics). WADA.

Dieser Inhalt dient ausschließlich zu Informations- und Bildungszwecken. Er stellt keine medizinische Beratung dar. Konsultieren Sie einen Arzt, bevor Sie Entscheidungen treffen. Unseren vollständigen medizinischen Haftungsausschluss lesen

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