Was ist Pinealon (Glu-Asp-Arg)?
Pinealon ist ein synthetisches Tripeptid mit der Sequenz Glu-Asp-Arg, in der gängigen Einbuchstabenschreibweise EDR. Es setzt sich aus Glutaminsäure, Asparaginsäure und Arginin zusammen, besitzt die Summenformel C₁₅H₂₆N₆O₈ und eine Molekularmasse von etwa 418 g/mol. Damit zählt es zu den sogenannten ultrakurzen Peptiden, einer Substanzklasse, die in der russischsprachigen Literatur traditionell als „Peptid-Bioregulatoren“ bezeichnet wird.
Strukturell ist das Molekül bemerkenswert einfach: zwei saure Reste (Glutamat, Aspartat) und ein basischer, guanidiniumtragender Rest (Arginin). Daraus ergibt sich bei physiologischem pH-Wert ein stark polares, zwitterionisches Molekül. Diese Eigenschaft ist für die Beurteilung aller Wirkhypothesen zentral, denn hochpolare Kleinpeptide passieren Membranen nicht ohne Weiteres und werden im Blut sehr schnell von Peptidasen abgebaut. Für Pinealon selbst liegen keine veröffentlichten pharmakokinetischen Daten am Menschen vor, also keine Angaben zu Resorption, Halbwertszeit, Verteilung oder Passage der Blut-Hirn-Schranke.
Der Name führt leicht in die Irre. Pinealon ist kein Extrakt aus der Zirbeldrüse und kein natürliches Zirbeldrüsenhormon, sondern eine im Labor hergestellte Sequenz, die innerhalb eines bestimmten Forschungsprogramms dem Themenfeld „Zirbeldrüse und Gehirnalterung“ zugeordnet wurde. Zu unterscheiden ist Pinealon ausserdem von Epithalamin (einem Peptidextrakt aus Rinder-Zirbeldrüsen) und von Epithalon, einem verwandten synthetischen Tetrapeptid aus demselben Forschungsumfeld.
In der Praxis wird Pinealon in zwei sehr unterschiedlichen Welten gehandelt: einerseits als Prüfsubstanz für Laborzwecke („research use only“), andererseits in Russland als Nahrungsergänzungsmittel in Kapselform. Diese doppelte Existenz erklärt einen Teil der widersprüchlichen Informationen, die online zu dem Peptid kreisen. Der vorliegende Leitfaden ordnet ausschliesslich die veröffentlichte wissenschaftliche Literatur ein und dient Bildungszwecken.
Woher stammt Pinealon und was ist die Khavinson-Schule?
Pinealon entstand im Umfeld des Sankt Petersburger Instituts für Bioregulation und Gerontologie rund um Wladimir Chawinson (Khavinson). Diese Forschungstradition reicht in die sowjetische Militärmedizin der 1970er und 1980er Jahre zurück. Ausgangspunkt waren Organextrakte, etwa aus Thymus und Zirbeldrüse, aus denen später kurze Peptidsequenzen isoliert und dann synthetisch nachgebaut wurden. Die Arbeitshypothese der Schule lautet, dass solche ultrakurzen Peptide als gewebespezifische „Bioregulatoren“ wirken und altersabhängige Fehlregulationen der Genexpression korrigieren können.
Aus diesem Programm stammt eine ganze Familie benannter Sequenzen: Epithalon (AEDG) für die Zirbeldrüse, Thymogen und Thymalin für das Immunsystem, Cortexin und Pinealon mit Bezug auf das Nervensystem, dazu Dutzende weitere Kombinationen aus drei bis vier Aminosäuren. Pinealon wird innerhalb dieser Systematik als neurotropes Tripeptid geführt.
Für die Einordnung der Evidenz ist der publizistische Kontext wichtig. Ein grosser Teil der Primärarbeiten erschien in russischsprachigen Fachzeitschriften, vor allem in „Uspechi Gerontologii“ (englisch „Advances in Gerontology“), deren internationale Sichtbarkeit und Zitationsdichte begrenzt sind. Erst in den letzten Jahren veröffentlichte die Gruppe verstärkt in englischsprachigen Open-Access-Journalen, etwa in „Molecules“, „Pharmaceuticals“ und im „International Journal of Molecular Sciences“. Das verbessert die Zugänglichkeit, ersetzt aber keine unabhängige Replikation.
Hinzu kommt eine Besonderheit, die man offen benennen sollte: Die Forschungsgruppe ist gleichzeitig Urheberin der wissenschaftlichen Publikationen und über Patente sowie kommerzielle Produktlinien mit der Vermarktung derselben Peptide verbunden. Ein solcher Interessenkonflikt macht Ergebnisse nicht automatisch falsch, erhöht aber den Bedarf an Bestätigung durch Dritte. Genau diese Bestätigung fehlt bei Pinealon bislang. Wer sich für den breiteren Kontext der Langlebigkeitspeptide interessiert, findet eine Übersicht in unserem Beitrag zu Peptiden im Bereich Anti-Aging.
Welcher Wirkmechanismus wird für Pinealon vorgeschlagen?
Die zentrale Hypothese ist epigenetisch. Nach Darstellung der Autoren soll Pinealon in das Zytoplasma und weiter in den Zellkern gelangen, dort mit DNA oder Histonproteinen interagieren und so die Expression bestimmter Gene verändern. Das unterscheidet die Hypothese grundlegend von klassischen Peptidarzneimitteln, die an einen Oberflächenrezeptor binden und eine definierte Signalkaskade auslösen.
Die wichtigste experimentelle Stütze für den ersten Teil dieser Kette lieferte eine Arbeit von Fedoreyeva und Kollegen in „Biochemistry (Moscow)“ aus dem Jahr 2011. Fluoreszenzmarkierte Kurzpeptide, darunter Pinealon, waren nach Inkubation in HeLa-Zellen in Zytoplasma, Zellkern und Nukleolus nachweisbar. In zellfreien Experimenten banden die Peptide ausserdem bevorzugt an Desoxyribooligonukleotide mit CNG-Motiven, also an Sequenzen, die bei Eukaryoten Zielstellen der Cytosin-Methylierung sind. Das ist ein interessanter Befund, belegt aber zunächst nur Aufnahme und Bindung im Modell, nicht eine funktionelle Genregulation im intakten Organismus.
Übersichtsarbeiten derselben Gruppe fassen die postulierten molekularen Folgen zusammen: eine veränderte Aktivität des MAPK/ERK-Signalwegs, eine verminderte Synthese proapoptotischer Proteine wie Caspase-3 und p53, eine gesteigerte Expression antioxidativer Enzyme wie SOD2 und GPX1 sowie Effekte auf Transkriptionsfaktoren der PPAR-Familie. Diese Aufzählung stammt überwiegend aus Zellmodellen und aus theoretischen Überlegungen einschliesslich molekularer Modellierung, nicht aus kontrollierten Untersuchungen am Menschen.
Wissenschaftlich bleiben mehrere Lücken bestehen. Erstens fehlt ein identifizierter, validierter molekularer Angriffspunkt mit messbarer Bindungsaffinität. Zweitens ist unklar, wie ein hochpolares Tripeptid nach peripherer Zufuhr in relevanter Konzentration überhaupt neuronale Zellkerne erreichen soll, solange keine Pharmakokinetik und keine Bildgebung dazu veröffentlicht sind. Drittens ist das Spektrum der berichteten Effekte sehr breit, was in der Pharmakologie eher ein Warnsignal als ein Qualitätsmerkmal ist. Die Mechanismushypothese ist damit plausibel formuliert, aber nicht bewiesen.
Was zeigen die Zellkulturstudien?
Die methodisch am ausführlichsten beschriebene Arbeit zu Pinealon erschien 2011 in „Rejuvenation Research“. Untersucht wurden Körnerzellen aus dem Rattenkleinhirn, Neutrophile und PC12-Zellen (eine Phäochromozytom-Zelllinie) unter experimentell erzeugtem oxidativem Stress. Pinealon begrenzte dabei dosisabhängig die Anhäufung reaktiver Sauerstoffspezies und senkte den nekrotischen Zelltod, gemessen mit dem Propidiumiodid-Test.
Interessant ist ein Detail der Auswertung. Die Begrenzung der ROS-Bildung und der Zellsterblichkeit war bereits bei niedrigen Konzentrationen gesättigt, während sich Veränderungen des Zellzyklus auch bei höheren Konzentrationen fortsetzten. Die Autoren schlossen daraus, dass neben einer rein antioxidativen Wirkung ein zusätzlicher, genomnaher Effekt vorliegen könnte. Beobachtet wurde zudem ein zeitlich verzögerter Verlauf der ERK-1/2-Aktivierung.
Ein zweiter Studienstrang betrifft die Dendritendornen, also die kleinen Fortsätze, über die Neurone synaptische Kontakte bilden. In Zellmodellen mit amyloidinduzierter Synaptotoxizität berichteten die Autoren, dass die Tripeptide EDR und KED den Verlust dieser Dornen abschwächen. Dieser Befund wird als zellulärer Hinweis auf Neuroplastizität interpretiert.
Bei der Bewertung sind drei Punkte entscheidend. Erstens sind die verwendeten Stressmodelle extrem: Starke Oxidations- oder Amyloidbelastungen in der Kulturschale entsprechen keiner klinischen Situation, und eine Substanz, die unter solchen Bedingungen Zellen schützt, verbessert nicht zwangsläufig kognitive Leistungen bei gesunden Menschen. Zweitens handelt es sich um Surrogatendpunkte, also um Messgrössen wie ROS-Signale oder Dornendichte, nicht um Symptome oder Funktionen. Drittens stammen die Arbeiten aus demselben Institutsverbund, und Angaben zu Verblindung der Auswertung oder zu Prä-Registrierung der Analysen fehlen. Zellstudien sind der sinnvolle Anfang einer Entwicklung, nicht ihr Beweis.
Was zeigen die Tierstudien zu Pinealon?
Die am häufigsten zitierte Tierarbeit wurde 2021 in „Pharmaceuticals“ veröffentlicht und untersuchte EDR und das verwandte Tripeptid KED in 5xFAD-Mäusen, einem transgenen Modell der Alzheimer-Erkrankung. Berichtet wurde, dass beide Peptide den Verlust von Dendritendornen in 5xFAD-M-Mäusen verhinderten, während die intraperitoneale Gabe von KED über mehrere Wochen eine tendenzielle Zunahme von Neuroplastizitätsmarkern zeigte. Das Wort „tendenziell“ ist hier wichtig: Es verweist auf einen Effekt ohne klare statistische Absicherung.
Zu dieser Publikation erschien 2025 eine formale Korrektur bezüglich der Abbildungen. Die Autoren erklärten, die wissenschaftlichen Schlussfolgerungen seien davon nicht betroffen. Eine Korrektur ist kein Rückzug der Arbeit, verdient aber Erwähnung, wenn man die Belastbarkeit einer Evidenzbasis beurteilt, die insgesamt nur aus wenigen Primärstudien besteht.
Deutlich gemischter fällt eine ältere Untersuchung aus, in der alte Ratten vor einem Verschluss der Karotisarterien kurze Peptide erhielten. Die Gabe der Peptide ging mit einem besseren Überleben der Tiere einher. Gleichzeitig war Pinealon jedoch mit einer verlängerten Dauer des Verhaltensschlafs sowie mit verminderter Orientierungs-, Motivations- und Lokomotionsaktivität assoziiert, und die Caspase-3-Aktivität im Gehirn stieg moderat an, sowohl bei scheinoperierten als auch bei verschlossenen Tieren. Das ist das Gegenteil dessen, was die antiapoptotische Hypothese erwarten lässt, und wird in der populären Darstellung des Peptids praktisch nie erwähnt.
Weitere Rattenarbeiten aus demselben Umfeld befassen sich mit pränataler Belastung durch erhöhtes Homocystein und berichten über verbesserte Lernleistungen sowie geringere ROS-Werte und weniger nekrotische Neurone bei den Nachkommen. Diese Berichte liessen sich in der Primärindexierung nicht zweifelsfrei verifizieren, weshalb sie hier nur erwähnt und nicht als belastbare Quelle geführt werden. Insgesamt ergibt sich das typische Bild einer frühen präklinischen Substanz: kleine Gruppengrössen, heterogene Modelle, teils gegenläufige Resultate und keine unabhängige Wiederholung.
Welche Humandaten existieren und wie gut sind sie?
Hier liegt die grösste Schwachstelle. Die in PubMed indexierte Humanliteratur zu Pinealon besteht im Kern aus kleinen, russischsprachigen Berichten. Am konkretesten ist eine 2012 in „Advances in Gerontology“ publizierte Arbeit von Nazimko und Kollegen an Mitarbeitern von Lokomotivbesatzungen, einer Berufsgruppe mit Schichtarbeit, Daueraufmerksamkeit und hoher Belastung. Nach einer zweiwöchigen oralen Anwendung des Peptids berichteten die Autoren über verbesserte Parameter des „biologischen Alters“ und über günstigere Indikatoren adaptiver Reaktionen.
Methodisch ist diese Arbeit kein Wirksamkeitsnachweis. Es fehlen Randomisierung, Placebokontrolle und Verblindung, die Teilnehmerzahl ist klein, und der primäre Endpunkt „biologisches Alter“ ist ein zusammengesetztes Konstrukt aus funktionellen Messwerten, dessen klinische Bedeutung nicht validiert ist. Bei einem zwei Wochen dauernden, unverblindeten Vorgehen in einer beruflich geprüften Gruppe sind Erwartungseffekte, Trainings- und Regressionseffekte sowie selektive Berichterstattung nicht auszuschliessen.
Darüber hinaus verweisen Übersichtsarbeiten der Gruppe darauf, dass das EDR-Peptid Gedächtnisprobleme bei älteren Menschen verbessere. Diese Aussagen stützen sich auf weitere russischsprachige Berichte mit vergleichbaren Limitationen. In unserer Recherche fanden wir keine registrierte randomisierte kontrollierte Studie zu Pinealon, weder auf ClinicalTrials.gov noch als publizierte Arbeit in einer internationalen Fachzeitschrift. Ebenso fanden wir keine veröffentlichte systematische Toxikologie und keine Dosisfindungsstudie am Menschen.
Praktisch bedeutet das: Für kognitive Endpunkte wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit oder Verarbeitungsgeschwindigkeit gibt es derzeit keine Evidenz, die den üblichen Anforderungen an einen Wirksamkeitsbeleg genügt. Wer Peptide im kognitiven Kontext vergleichen möchte, findet eine Einordnung verschiedener Substanzen in unserer Übersicht zu Peptiden für Gehirn und kognitive Funktionen. Dieser Abschnitt ersetzt keine individuelle Beratung: Besprechen Sie Fragen zu Gedächtnis oder kognitiven Veränderungen bitte mit einer Ärztin oder einem Arzt.
Wie unterscheidet sich Pinealon von Epithalon?
Beide Peptide stammen aus demselben Forschungsprogramm, verfolgen aber unterschiedliche Erzählungen. Epithalon ist ein Tetrapeptid mit der Sequenz Ala-Glu-Asp-Gly (AEDG) und wird primär mit der Zirbeldrüse, der Melatoninregulation und mit Hypothesen zur Telomerase in Verbindung gebracht. Pinealon ist ein Tripeptid (Glu-Asp-Arg) und wird vor allem als neurotrop, antioxidativ und zellschützend beschrieben.
| Merkmal | Pinealon (EDR) | Epithalon (AEDG) |
|---|---|---|
| Länge | 3 Aminosäuren | 4 Aminosäuren |
| Sequenz | Glu-Asp-Arg | Ala-Glu-Asp-Gly |
| Postulierter Fokus | Neurone, oxidativer Stress, Neuroplastizität | Zirbeldrüse, zirkadiane Regulation, Zellalterung |
| Umfang der Literatur | sehr klein, grösstenteils eine Forschungsgruppe | grösser, inklusive unabhängiger Übersichtsarbeiten |
| Registrierte RCTs | in unserer Recherche keine gefunden | keine modernen, hochwertigen RCTs etabliert |
| Regulatorischer Status | nicht als Arzneimittel zugelassen | nicht als Arzneimittel zugelassen |
Ein inhaltlicher Unterschied liegt im Grad der externen Aufmerksamkeit. Zu Epithalon existiert inzwischen mindestens eine Übersichtsarbeit von Autoren ausserhalb der Sankt Petersburger Schule, veröffentlicht 2025 im „International Journal of Molecular Sciences“ durch eine polnische Arbeitsgruppe. Diese Arbeit beschreibt geroprotektive und neuroendokrine Effekte aus In-vitro-, In-vivo- und In-silico-Studien, betont aber ebenfalls, dass belastbare klinische Belege fehlen. Für Pinealon gibt es eine solche externe Zusammenschau bislang nicht.
Gemeinsam ist beiden Peptiden die methodische Problematik: Sie werden häufig in denselben Publikationen und denselben Modellen untersucht, oft mit Surrogatendpunkten, und die stärksten Aussagen stammen aus Zell- oder Tierversuchen. Die populäre Gegenüberstellung „Epithalon für Langlebigkeit, Pinealon für das Gehirn“ ist daher eine Vereinfachung, die auf Marketingkategorien beruht und nicht auf vergleichenden klinischen Daten. Ein direkter Kopf-an-Kopf-Vergleich der beiden Substanzen am Menschen ist nicht publiziert.
Wie belastbar ist die Gesamtevidenz zu Pinealon?
Wenn man die Literatur nach den üblichen Kriterien der evidenzbasierten Medizin sortiert, ergibt sich eine sehr klare Hierarchie. An der Basis stehen Zellversuche mit nachvollziehbaren, aber eng begrenzten Befunden. Darüber liegen wenige kleine Tierstudien mit heterogenen Modellen. An der Spitze, wo normalerweise randomisierte kontrollierte Studien und Metaanalysen stehen, befindet sich bei Pinealon nichts.
Fünf Punkte sollte man bei der Bewertung im Blick behalten:
- Konzentration auf eine Quelle: Nahezu alle Primärdaten stammen aus einem Institutsverbund in Sankt Petersburg beziehungsweise aus kooperierenden russischen Laboren. Unabhängige Replikation durch nicht verbundene Gruppen fehlt.
- Sprach- und Zugangsbarriere: Ein erheblicher Teil der Arbeiten liegt nur auf Russisch vor, teils mit knappen englischen Abstracts. Die Rohdaten und Protokolle sind damit für die internationale Fachöffentlichkeit kaum prüfbar.
- Surrogatendpunkte: Gemessen werden meist ROS-Signale, Enzymexpression, Dornendichte oder Indizes wie das „biologische Alter“, selten patientenrelevante Endpunkte.
- Fehlende Pharmakokinetik: Ohne Daten zu Aufnahme, Stabilität, Verteilung und Hirnpassage bleibt offen, ob die im Labor beobachteten Konzentrationen am Zielgewebe überhaupt erreichbar sind.
- Interessenlage und Publikationsbias: Die forschende Gruppe ist kommerziell mit den untersuchten Peptiden verbunden, und negative oder neutrale Ergebnisse sind in dieser Literatur auffällig selten.
Daraus folgt keine Aussage, dass Pinealon unwirksam sei. Eine solche Behauptung wäre genauso unbelegt wie die Wirksamkeitsversprechen, die online zirkulieren. Korrekt ist die nüchterne Formulierung: Die Hypothese ist nicht widerlegt, aber auch nicht bestätigt, und die vorhandenen Daten erlauben keine Übertragung auf den Menschen. In der Terminologie der Arzneimittelentwicklung befindet sich Pinealon in einem frühen präklinischen Stadium, und zwar seit über einem Jahrzehnt.
Diese Lücke zwischen schmaler Evidenzbasis und starker Marketingnarrative ist kein Einzelfall, sondern ein Muster, das viele Substanzen der Anti-Aging-Peptide betrifft. Sie zu kennen, ist der wichtigste Schutz vor überhöhten Erwartungen.
Welcher regulatorische Status und welches Sicherheitsprofil gelten für Pinealon?
Pinealon ist weder von der FDA noch von der EMA als Arzneimittel zugelassen. Es existiert keine behördlich geprüfte Indikation, keine genehmigte Darreichungsform und keine amtlich bewertete Dosierung. In den USA und in der EU wird die Substanz typischerweise als Laborchemikalie für Forschungszwecke gehandelt, in Russland dagegen als Bestandteil von Nahrungsergänzungsmitteln vertrieben. Der rechtliche Rahmen unterscheidet sich also je nach Land erheblich, und der Verkauf als Supplement in einem Land sagt nichts über die arzneimittelrechtliche Bewertung in einem anderen aus.
Zum Sicherheitsprofil lässt sich wissenschaftlich wenig Belastbares sagen, und genau das ist die relevante Information. Es gibt keine publizierten systematischen Toxizitätsstudien am Menschen, keine Langzeitdaten, keine Untersuchungen zu Wechselwirkungen mit Medikamenten und keine Daten zu besonderen Gruppen wie Schwangeren, Stillenden, Kindern oder Menschen mit Leber- oder Nierenerkrankungen. Das Fehlen gemeldeter Nebenwirkungen in einer sehr kleinen Literatur ist kein Nachweis von Verträglichkeit, sondern lediglich das Fehlen von Daten.
Hinzu kommen Risiken, die nicht von der Molekülstruktur abhängen, sondern von der Lieferkette. Produkte aus dem Graumarkt sind nicht als Arzneimittel qualitätsgeprüft. Dokumentierte Probleme bei Forschungspeptiden allgemein betreffen abweichende Peptidgehalte, Verunreinigungen, bakterielle Endotoxine, mangelnde Sterilität und irreführende Analysezertifikate. Eine allgemeine Einordnung dieser Fragen finden Sie in unserem Beitrag zur Sicherheit von Peptiden.
Bewusst keine Angaben enthält dieser Leitfaden zu Dosierungen, Anwendungsschemata, Zyklen oder Bezugsquellen. Das ist keine Auslassung, sondern eine inhaltliche Entscheidung: Für eine Substanz ohne Humandosisfindung und ohne Zulassung wäre jede konkrete Zahl eine Erfindung mit medizinischem Risiko.
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient ausschliesslich Bildungs- und Informationszwecken. Pinealon ist ein Forschungspeptid und nicht für die Anwendung am Menschen zugelassen. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ersetzt weder Diagnose noch Therapie. Besprechen Sie gesundheitliche Fragen, insbesondere zu Gedächtnis, Schlaf oder neurologischen Beschwerden, bitte mit einer qualifizierten medizinischen Fachperson. Beachten Sie zudem, dass die Rechtslage je nach Land unterschiedlich ist.
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Häufige Fragen zu Pinealon
Was ist Pinealon chemisch gesehen?
Wie soll Pinealon nach aktueller Hypothese wirken?
Gibt es klinische Studien zu Pinealon beim Menschen?
Verbessert Pinealon das Gedächtnis?
Was ist der Unterschied zwischen Pinealon und Epithalon?
Ist Pinealon sicher?
Ist Pinealon zugelassen oder legal?
Warum nennt dieser Artikel keine Dosierung?
Quellen
- Khavinson V. Kh., Ribakova Yu. V. et al. (2011). Pinealon increases cell viability by suppression of free radical levels and activating proliferative processes. Rejuvenation Research.
- Fedoreyeva L. I., Kireev I. I., Khavinson V. Kh., Vanyushin B. F. (2011). Penetration of short fluorescence-labeled peptides into the nucleus in HeLa cells and in vitro specific interaction of the peptides with deoxyribooligonucleotides and DNA. Biochemistry (Moscow).
- Khavinson V., Linkova N., Kozhevnikova E., Trofimova S. (2021). EDR Peptide: Possible Mechanism of Gene Expression and Protein Synthesis Regulation Involved in the Pathogenesis of Alzheimer's Disease. Molecules.
- Khavinson V., Ilina A., Kraskovskaya N., Linkova N., Kolchina N., Mironova E., Erofeev A., Petukhov M. (2021). Neuroprotective Effects of Tripeptides, Epigenetic Regulators in Mouse Model of Alzheimer's Disease. Pharmaceuticals.
- Khavinson V. et al. (2025). Correction: Neuroprotective Effects of Tripeptides, Epigenetic Regulators in Mouse Model of Alzheimer's Disease. Pharmaceuticals 2021, 14, 515. Pharmaceuticals.
- Ilina A., Khavinson V., Linkova N., Petukhov M. (2022). Neuroepigenetic Mechanisms of Action of Ultrashort Peptides in Alzheimer's Disease. International Journal of Molecular Sciences.
- Nazimko V. A., Morgul' E. V., Petrova O. A., Sheikhova R. G., Kozina L. S., Savenko M. A., Lysenko D. S. (2012). [Analysis of some parameters of biological age and adaptation possibilities of workers of locomotive brigades]. Advances in Gerontology (russischsprachig).
- Mendzheritskii A. M., Karantysh G. V., Ivonina K. O. (2011). [Effects of introduction of short peptides before carotid artery occlusion on behaviour and caspase-3 activity in the brain of old rats]. Advances in Gerontology (russischsprachig).
- Araj S. K., Brzezik J., Madra-Gackowska K., Szeleszczuk L. (2025). Overview of Epitalon, Highly Bioactive Pineal Tetrapeptide with Promising Properties. International Journal of Molecular Sciences.