Was ist CagriSema und woraus besteht die Kombination?
CagriSema ist eine in der Entwicklung befindliche Fixkombination aus zwei Peptiden des dänischen Herstellers Novo Nordisk. Der erste Bestandteil ist Cagrilintid (Entwicklungscode AM833 beziehungsweise NN0174-0833), ein langwirksames Analogon des Bauchspeicheldrüsenhormons Amylin. Der zweite Bestandteil ist Semaglutid, ein seit Jahren etablierter GLP-1-Rezeptoragonist. Beide Wirkstoffe sind in einer gemeinsamen Formulierung vereint und werden einmal wöchentlich subkutan verabreicht. Der Produktname ist eine schlichte Zusammenziehung der beiden Substanznamen.
Wichtig für das Verständnis ist die Unterscheidung zwischen Einzelwirkstoff und Kombination. Dieser Beitrag behandelt ausschließlich die Kombination. Wer die Pharmakologie, die Studienlage und die Besonderheiten des Amylin-Analogons als Einzelsubstanz nachlesen möchte, findet dies im Leitfaden zu Cagrilintid. Die Datenlage zum GLP-1-Partner ist im Leitfaden zu Semaglutid aufgearbeitet. CagriSema ist pharmakologisch keine neue Molekülentität, sondern die gleichzeitige Gabe zweier bekannter Peptide in einem einzigen Injektionssystem.
Chemisch handelt es sich bei beiden Komponenten um acylierte Peptide. Cagrilintid beruht auf einem Amylin-Grundgerüst mit 37 Aminosäuren, dessen Aminosäuresequenz gegenüber dem menschlichen Hormon so verändert wurde, dass die ausgeprägte Neigung des natürlichen Amylins zur Aggregation entfällt. Eine Fettsäure-Seitenkette sorgt für eine reversible Bindung an Albumin und damit für eine Halbwertszeit, die eine wöchentliche Verabreichung erlaubt. Semaglutid nutzt dasselbe Prinzip der Albuminbindung auf Basis eines GLP-1-Gerüsts mit 31 Aminosäuren. Beide Peptide sind also für eine lange Verweildauer im Kreislauf optimiert, was die Kombination in einem wöchentlichen Rhythmus überhaupt erst praktikabel macht.
Der Entwicklungsweg verlief in klar abgegrenzten Schritten. Eine Phase-1b-Studie prüfte zunächst die gleichzeitige Gabe beider Substanzen auf Verträglichkeit und pharmakokinetische Wechselwirkungen (Enebo und Kollegen, 2021). Eine Phase-2-Studie bei Typ-2-Diabetes folgte (Frias und Kollegen, 2023). Darauf baute das Phase-3-Programm REDEFINE auf, aus dem die hier besprochenen Ergebnisse stammen. Fragen zur praktischen Handhabung von Cagrilintid behandelt eine separate Werkzeugseite; dieser Text bleibt bei der Evidenz.
Hinweis: CagriSema ist derzeit in keinem Land zugelassen. Die folgenden Abschnitte fassen Studienergebnisse zusammen und sind keine Therapieempfehlung.
Warum kombiniert man ein Amylin-Analogon mit einem GLP-1-Analogon?
Die biologische Begründung liegt in zwei unterschiedlichen Sättigungssystemen. Amylin wird gemeinsam mit Insulin von den Betazellen des Pankreas sezerniert. Es wirkt vor allem auf Hirnstammstrukturen, insbesondere die Area postrema, und beeinflusst dort die Mahlzeitengröße und das Sättigungsgefühl während des Essens. Amylin verzögert zusätzlich die Magenentleerung und dämpft die postprandiale Glukagonfreisetzung. Man kann es vereinfacht als ein Signal beschreiben, das eine Mahlzeit beendet.
GLP-1 dagegen ist ein Inkretin, das von L-Zellen des Darms nach Nahrungsaufnahme freigesetzt wird. Es verstärkt die glukoseabhängige Insulinsekretion, hemmt die Glukagonausschüttung, verlangsamt ebenfalls die Magenentleerung und wirkt über hypothalamische Kerngebiete appetitmindernd. GLP-1-Rezeptoragonisten senken damit sowohl den Blutzucker als auch die Nahrungsaufnahme über einen längeren Zeitraum hinweg. Die Zielstrukturen überlappen also teilweise, die Rezeptorsysteme sind aber verschieden.
Präklinische Arbeiten stützen die Annahme eines eigenständigen Amylin-Wirkpfads. In einer 2025 in eBioMedicine veröffentlichten Untersuchung an RAMP1/3-Knockout-Mäusen verlor Cagrilintid seine gewichtssenkende Wirkung, wenn die Amylin-Rezeptoren 1 und 3 fehlten. Wildtyp-Tiere nahmen unter Cagrilintid um 3,4 Gramm ab, während Lachs-Calcitonin das Gewicht sogar leicht erhöhte. Die Autorinnen und Autoren schlossen daraus, dass Cagrilintid für seine Wirkung auf zerebrale Amylin-Rezeptoren angewiesen ist. Das ist ein Mausmodell und nicht direkt auf den Menschen übertragbar, erklärt aber, warum eine Kombination mit einem GLP-1-Analogon mechanistisch sinnvoll erscheint.
Die klinische Prüfung dieser Hypothese begann mit der Phase-1b-Studie von Enebo und Kollegen im Lancet. Dort wurden insgesamt 566 unerwünschte Ereignisse bei 92 Teilnehmenden dokumentiert, von denen 207 (37 Prozent) den gastrointestinalen Störungen zuzuordnen waren. Die gleichzeitige Gabe wurde als verträglich mit akzeptablem Sicherheitsprofil beschrieben, ohne Hinweise auf relevante pharmakokinetische Interferenzen. Die anschließende Phase-2-Studie bei Typ-2-Diabetes (Frias und Kollegen, 2023) verglich die Kombination über 32 Wochen mit beiden Einzelsubstanzen und zeigte eine Gewichtsabnahme von 15,6 Prozent unter der Kombination gegenüber 8,1 Prozent unter Cagrilintid und 5,1 Prozent unter Semaglutid, bei einer HbA1c-Senkung von 2,2 gegenüber 0,9 und 1,8 Prozentpunkten.
Diskutiert wird darüber hinaus, ob der Amylin-Pfad die Zusammensetzung des Gewichtsverlusts günstig beeinflusst, etwa durch eine bessere Erhaltung der Muskelmasse. Belastbare Daten aus kontrollierten Körperzusammensetzungsanalysen zu CagriSema liegen dazu bislang nicht in ausreichendem Umfang vor. Diese Überlegung ist daher eine Hypothese und kein gesichertes Ergebnis. Eine breitere Einordnung der nachfolgenden Wirkstoffgenerationen findet sich im Überblick zu den Inkretinen der nächsten Generation.
Was hat REDEFINE 1 bei Adipositas ohne Diabetes gezeigt?
REDEFINE 1 ist die zentrale Zulassungsstudie für die Indikation Gewichtsmanagement. Die doppelblinde, placebo- und aktivkontrollierte Phase-3a-Studie schloss 3417 Erwachsene mit einem Body-Mass-Index von mindestens 30 oder von mindestens 27 bei gleichzeitig mindestens einer gewichtsbezogenen Begleiterkrankung ein. Teilnehmende mit Typ-2-Diabetes waren ausgeschlossen. Randomisiert wurde auf vier Arme: CagriSema, Cagrilintid allein, Semaglutid allein und Placebo, jeweils über 68 Wochen und begleitet von einer Lebensstilintervention. Die Ergebnisse wurden im August 2025 im New England Journal of Medicine publiziert (Garvey und Kollegen).
Der primäre Endpunkt war die prozentuale Gewichtsveränderung nach 68 Wochen. In der vorrangigen statistischen Betrachtung, die alle randomisierten Personen unabhängig vom Abbruch der Behandlung berücksichtigt, ergab sich folgendes Bild:
| Behandlungsarm | Gewichtsveränderung nach 68 Wochen |
|---|---|
| CagriSema | -20,4 % |
| Semaglutid allein | -14,9 % |
| Cagrilintid allein | -11,5 % |
| Placebo | -3,0 % |
Die Kombination war damit beiden Einzelsubstanzen und Placebo statistisch überlegen. Bemerkenswert ist, dass der Effekt der Kombination unterhalb der schlichten Summe der Einzeleffekte lag, was gegen eine rein additive Wirkung und für teilweise überlappende Wirkmechanismen spricht. Auch bei den Responder-Analysen zeigte sich ein deutlicher Vorteil: Teilnehmende unter CagriSema erreichten signifikant häufiger Schwellenwerte von 5 Prozent, 20 Prozent, 25 Prozent und 30 Prozent Gewichtsverlust als unter Placebo. In der Betrachtung, die eine vollständige Therapieadhärenz unterstellt, lag die mittlere Abnahme bei 22,7 Prozent, und 40,4 Prozent der Behandelten erreichten mindestens 25 Prozent Gewichtsverlust, gegenüber 16,2 Prozent unter Semaglutid, 6,0 Prozent unter Cagrilintid und 0,9 Prozent unter Placebo. Nach Angaben der Studienpräsentation erreichten rund 60 Prozent mindestens 20 Prozent Gewichtsverlust und etwa 23 Prozent mindestens 30 Prozent.
Diese beiden Zahlenwelten, 20,4 Prozent und 22,7 Prozent, beschreiben nicht zwei verschiedene Wahrheiten, sondern zwei verschiedene Fragen. Die erste fragt, was in einer Population unter Studienbedingungen tatsächlich passiert, einschließlich Abbrüchen und Dosisreduktionen. Die zweite fragt, was das Medikament leisten kann, wenn es wie vorgesehen angewendet wird. Für die regulatorische Bewertung ist in der Regel die erste Betrachtung die maßgebliche. Für die Einordnung des pharmakologischen Potenzials ist die zweite informativ. Wer Zahlen aus Pressemeldungen vergleicht, sollte stets prüfen, welche der beiden Perspektiven gemeint ist.
Warum gilt REDEFINE 1 trotz hoher Gewichtsabnahme als Enttäuschung?
Eine Gewichtsabnahme von über 20 Prozent über 68 Wochen gehört zu den stärksten Ergebnissen, die bisher mit einer medikamentösen Adipositastherapie erzielt wurden. Dennoch wurde die Veröffentlichung der Spitzenergebnisse am 20. Dezember 2024 an den Finanzmärkten als Rückschlag gewertet. Der Grund ist eine Erwartungslücke: Der Hersteller hatte in früheren Kommunikationen eine Gewichtsabnahme von mindestens rund 25 Prozent in Aussicht gestellt. Der berichtete Wert von 22,7 Prozent blieb darunter. Die Aktie des Unternehmens verlor im Anschluss zweistellig an Wert.
Dieser Vorgang ist aus wissenschaftlicher Sicht lehrreich, weil er zeigt, wie stark die Bewertung eines Studienergebnisses vom vorher gesetzten Referenzpunkt abhängt. Gegenüber Placebo und gegenüber beiden Einzelsubstanzen war das Ergebnis klar positiv und statistisch signifikant. Gegenüber einer öffentlich kommunizierten Erwartung war es ein Fehlschlag. Beide Aussagen treffen zu, betreffen aber unterschiedliche Maßstäbe. Für Patientinnen und Patienten ist der Vergleich mit Placebo und mit bestehenden Therapieoptionen relevanter als der Vergleich mit einer Prognose.
Ein zweiter, inhaltlich wichtigerer Punkt betrifft das Studiendesign. REDEFINE 1 arbeitete mit einem flexiblen Dosisschema, das Anpassungen und Reduktionen im Studienverlauf erlaubte. Nach 68 Wochen befanden sich nur 57,3 Prozent der Teilnehmenden im CagriSema-Arm auf der höchsten vorgesehenen Dosisstufe. Das bedeutet, dass ein erheblicher Teil der Kohorte den maximalen pharmakologischen Effekt der Kombination nie erreichte. Die beobachtete mittlere Wirkung unterschätzt damit möglicherweise das Potenzial einer konsequent auftitrierten Behandlung, spiegelt aber die Realität der Verträglichkeit unter Alltagsbedingungen vermutlich besser.
Ob eine strengere Titration zu höheren Werten geführt hätte, ist eine offene Frage, die sich aus REDEFINE 1 allein nicht beantworten lässt. Sie verlangt eine eigene Studie mit festem Dosisschema. Methodisch bleibt festzuhalten: Flexible Titration erhöht die Verträglichkeit und die Abschlussraten, verwässert aber den messbaren Effekt. Starre Schemata erzeugen höhere Effektschätzungen, oft um den Preis von mehr Abbrüchen. Keine der beiden Varianten ist per se die richtige, sie beantworten unterschiedliche Fragen.
Welche Ergebnisse brachte REDEFINE 2 bei Typ-2-Diabetes?
REDEFINE 2 übertrug die Fragestellung auf Menschen mit Typ-2-Diabetes. In dieser doppelblinden, placebokontrollierten Phase-3a-Studie in zwölf Ländern wurden 1206 Erwachsene mit einem Body-Mass-Index von mindestens 27 und einem HbA1c-Wert zwischen 7 und 10 Prozent im Verhältnis 3 zu 1 auf CagriSema oder Placebo randomisiert, jeweils mit Lebensstilintervention über 68 Wochen. Eine Untergruppe wurde zusätzlich mit kontinuierlicher Glukosemessung begleitet. Die Publikation erfolgte parallel zu REDEFINE 1 im New England Journal of Medicine (Davies und Kollegen, 2025).
Die geschätzte mittlere Gewichtsveränderung von der Ausgangssituation bis Woche 68 betrug -13,7 Prozent unter CagriSema gegenüber -3,4 Prozent unter Placebo. Der Wert liegt deutlich unter dem der Adipositas-Population ohne Diabetes. Dieses Muster ist aus der gesamten Wirkstoffklasse bekannt: Menschen mit Typ-2-Diabetes nehmen unter inkretinbasierten Therapien im Mittel weniger ab als Menschen ohne Diabetes. Als Erklärungen werden unter anderem die veränderte Betazellfunktion, die Begleitmedikation und metabolische Anpassungsvorgänge diskutiert.
Bei der Blutzuckerkontrolle war das Ergebnis ausgeprägt. Der HbA1c-Wert sank unter CagriSema um 2,0 Prozentpunkte, unter Placebo um 0,1 Prozentpunkte. 73,5 Prozent der Behandelten erreichten einen HbA1c-Wert von 6,5 Prozent oder darunter, gegenüber 15,9 Prozent unter Placebo. Nahezu neun von zehn Teilnehmenden im Verumarm erreichten mindestens 5 Prozent Gewichtsreduktion. Die Kombination adressiert damit beide Dimensionen des Krankheitsbildes, Gewicht und Glykämie, in einem Präparat.
Ergänzend liegen seit 2026 Ergebnisse aus dem REIMAGINE-Programm vor, das CagriSema in verschiedenen Diabetes-Konstellationen prüft. REIMAGINE 1 untersuchte in einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Phase-3a-Studie an 42 Zentren in sechs Ländern 189 Erwachsene mit Typ-2-Diabetes, der allein mit Ernährung und Bewegung unzureichend kontrolliert war. Über 40 Wochen wurde eine HbA1c-Senkung von bis zu 2,0 Prozent berichtet, und etwa jede zweite behandelte Person erreichte die definierten Kriterien einer Diabetes-Remission. Die Fallzahl ist klein, der Befund daher mit Zurückhaltung zu lesen.
Hinweis: Diese Daten stammen aus kontrollierten Studien mit definierten Ein- und Ausschlusskriterien. Sie lassen sich nicht ohne Weiteres auf Personen außerhalb dieser Populationen übertragen. Entscheidungen über eine Diabetestherapie gehören in ärztliche Hände.
Welches Nebenwirkungsprofil zeigt die Kombination?
Das Nebenwirkungsprofil von CagriSema wird klar von gastrointestinalen Beschwerden dominiert. In REDEFINE 1 traten solche Ereignisse bei 79,6 Prozent der Teilnehmenden im CagriSema-Arm auf, gegenüber 39,9 Prozent unter Placebo. Dazu zählen Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung und Bauchschmerzen. Die Studienautoren beschrieben diese Ereignisse überwiegend als vorübergehend und von leichter bis mittelschwerer Ausprägung, mit einer Häufung in der Aufdosierungsphase. In REDEFINE 2 lag die Rate gastrointestinaler Ereignisse bei 72,5 Prozent gegenüber 34,4 Prozent unter Placebo.
Diese Zahlen klingen hoch, sind aber im Kontext der Wirkstoffklasse zu lesen. Beide Komponenten verzögern die Magenentleerung, sodass sich ihre Effekte auf den Verdauungstrakt überlagern. Dass die Abbruchraten wegen unerwünschter Ereignisse in beiden REDEFINE-Studien im einstelligen Prozentbereich lagen, deutet darauf hin, dass die Beschwerden für die meisten Behandelten tolerabel waren oder sich durch Dosisanpassung beherrschen ließen. Genau diese Anpassungen erklären zugleich, warum ein erheblicher Anteil der Kohorte die höchste Dosisstufe nicht erreichte. Eine systematische Darstellung der typischen Verträglichkeitsmuster dieser Substanzklasse findet sich in der Übersicht zu den Nebenwirkungen von GLP-1-Wirkstoffen.
Bereits die Phase-1b-Studie wies in diese Richtung: Von 566 dokumentierten unerwünschten Ereignissen bei 92 Teilnehmenden waren 207, also 37 Prozent, gastrointestinaler Natur. Die Ereignisse waren überwiegend leicht bis mittelschwer, und der Anteil der Personen mit mindestens einem unerwünschten Ereignis war über die Behandlungsgruppen hinweg ähnlich verteilt. Das Signal war also früh erkennbar und hat sich in den Phase-3-Studien quantitativ bestätigt.
Für die GLP-1-Komponente sind aus der breiten Anwendung weitere relevante Sicherheitsaspekte bekannt, die auch für die Kombination gelten und in den jeweiligen Fachinformationen abgebildet sind. Dazu gehören unter anderem Pankreatitis, Gallenwegserkrankungen, diabetische Retinopathie bei bestehender Vorschädigung sowie Kontraindikationen in der Schwangerschaft. Zur Amylin-Komponente als Langzeitmonotherapie bei Menschen liegen deutlich weniger Daten vor als zu Semaglutid, was eine eigenständige Unsicherheitsquelle darstellt. Langzeitdaten über mehrere Jahre zur Kombination existieren derzeit nicht.
Hinweis: Diese Aufstellung ist unvollständig und ersetzt keine Fachinformation. Wer unter einer bestehenden Therapie Beschwerden bemerkt, sollte ärztlichen Rat einholen und keine eigenmächtigen Änderungen vornehmen.
Wie ist der regulatorische Stand von CagriSema?
Stand 17. Oktober 2026 ist CagriSema in keinem Land als Arzneimittel zugelassen. Novo Nordisk hat den Zulassungsantrag für das langfristige Gewichtsmanagement im Dezember 2025 bei der US-amerikanischen Food and Drug Administration eingereicht. Grundlage der Einreichung sind die beiden Zulassungsstudien REDEFINE 1 und REDEFINE 2. Das Unternehmen hat eine Entscheidung für das vierte Quartal 2026 in Aussicht gestellt und diese Erwartung im September 2026 bestätigt. Ein öffentlich bestätigtes Datum für den Abschluss der Prüfung liegt nicht vor.
Zum europäischen Verfahren sind keine vergleichbar klaren öffentlichen Angaben verfügbar. Es gilt die allgemeine Regel, dass Zulassungsentscheidungen der Europäischen Arzneimittel-Agentur unabhängig von denen der FDA getroffen werden, auf eigener Datenprüfung beruhen und zeitlich versetzt erfolgen können. Aus einer möglichen US-Zulassung folgt daher keine automatische Verfügbarkeit in Europa und umgekehrt.
Zu unterscheiden ist dieser Status auch von dem der Einzelkomponenten. Semaglutid ist in zahlreichen Ländern in verschiedenen Darreichungsformen für Typ-2-Diabetes und für das Gewichtsmanagement zugelassen. Cagrilintid hingegen ist als Einzelsubstanz nirgends zugelassen und existiert ausschließlich als Prüfsubstanz. Die Kombination als solche hat keinen eigenen Zulassungsstatus, der aus der Zulassung einer Komponente abgeleitet werden könnte.
Daraus ergibt sich eine praktische Konsequenz. Peptide, die unter Bezeichnungen wie Cagrilintid oder CagriSema als sogenannte Forschungssubstanzen angeboten werden, sind keine Arzneimittel. Sie unterliegen keiner behördlichen Prüfung von Identität, Reinheit, Gehalt oder Sterilität, und ihre rechtliche Einordnung unterscheidet sich von Land zu Land erheblich. Für die Anwendung am Menschen sind sie nicht vorgesehen und nicht geeignet. Klow Peptide verlinkt in diesem Beitrag bewusst keine Bezugsquellen.
Medizinischer Hinweis: Dieser Text dient ausschließlich der wissenschaftlichen Information und Bildung. Er stellt keine medizinische Beratung dar, empfiehlt keine Anwendung und enthält keine Mengen- oder Anwendungsangaben. Bei Fragen zu Adipositas oder Typ-2-Diabetes wenden Sie sich an eine Ärztin oder einen Arzt.
Wie schlägt sich CagriSema gegen Tirzepatid und Retatrutid?
Der aussagekräftigste Vergleich liegt als direkter Kopf-an-Kopf-Versuch vor. REDEFINE 4 war eine offene Studie über 84 Wochen, die CagriSema gegen Tirzepatid in dessen höchster Stärke prüfte. Die im Februar 2026 vom Hersteller mitgeteilten Ergebnisse sind eindeutig: Der primäre Endpunkt der Nichtunterlegenheit wurde nicht erreicht. Unter der Annahme vollständiger Therapieadhärenz betrug die Gewichtsabnahme 23,0 Prozent unter CagriSema gegenüber 25,5 Prozent unter Tirzepatid. In der Betrachtung des gesamten Behandlungsregimes lagen die Werte bei 20,2 Prozent gegenüber 23,6 Prozent. Das Sicherheitsprofil wurde als unauffällig im Rahmen der Klasse beschrieben, mit überwiegend leichten bis mittelschweren gastrointestinalen Ereignissen.
Diese Daten stammen aus einer Unternehmensmitteilung und lagen zum Zeitpunkt dieser Aktualisierung nicht als begutachtete Vollpublikation vor. Dieser Umstand ist bei der Bewertung zu berücksichtigen. Zudem war die Studie offen, also nicht verblindet, was bei gewichtsbezogenen Endpunkten und Verhaltensänderungen eine Fehlerquelle darstellt.
Für den Kontext hilft ein Blick auf die jeweiligen Pivotstudien, auch wenn ein Vergleich über Studien hinweg methodisch heikel ist. Unterschiedliche Populationen, Studiendauern und Titrationsschemata machen solche Nebeneinanderstellungen zu Orientierungswerten, nicht zu Belegen:
| Wirkstoff | Studie | Dauer | Gewichtsabnahme (höchste geprüfte Stufe) |
|---|---|---|---|
| CagriSema | REDEFINE 1 (Phase 3) | 68 Wochen | -20,4 % |
| Tirzepatid | SURMOUNT-1 (Phase 3) | 72 Wochen | -20,9 % |
| Retatrutid | Phase-2-Studie | 48 Wochen | -24,2 % |
SURMOUNT-1 schloss 2539 Erwachsene mit einem Body-Mass-Index von mindestens 30 oder von mindestens 27 mit gewichtsbezogener Begleiterkrankung ein, Personen mit Diabetes waren ausgeschlossen. Nach 72 Wochen betrug die mittlere Gewichtsveränderung in der höchsten Dosisgruppe -20,9 Prozent. Retatrutid, ein Dreifachagonist an den Rezeptoren für GIP, GLP-1 und Glukagon, erreichte in seiner Phase-2-Studie nach 48 Wochen in der höchsten Dosisgruppe -24,2 Prozent gegenüber -2,1 Prozent unter Placebo. Letzteres ist jedoch eine Phase-2-Studie mit deutlich kleinerer Fallzahl; Phase-3-Bestätigungen sind für die Bewertung maßgeblich.
Eine 2026 publizierte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse poolte vier Studien mit insgesamt 5023 Teilnehmenden und berichtete für CagriSema gegenüber Placebo eine mittlere Differenz von -5,98 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall -10,64 bis -1,32) sowie signifikante Reduktionen von Taillenumfang und HbA1c. Das weite Konfidenzintervall spiegelt die Heterogenität der eingeschlossenen Studien und mahnt zur Vorsicht bei der Interpretation gepoolter Schätzer in einem noch jungen Evidenzfeld.
Welche Fragen bleiben wissenschaftlich offen?
Die erste offene Frage betrifft harte Endpunkte. REDEFINE 1, 2 und 4 messen Gewicht und metabolische Surrogatparameter. Keine dieser Studien war darauf ausgelegt, kardiovaskuläre Ereignisse, Mortalität oder die Inzidenz von Folgeerkrankungen zu erfassen. Eine Studie des Programms untersucht CagriSema bei Menschen mit bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung; Ergebnisse dazu lagen zum Zeitpunkt dieser Aktualisierung nicht vor. Bis solche Daten vorliegen, bleibt der klinische Nutzen jenseits der Gewichts- und Blutzuckerwirkung unbelegt.
Die zweite Frage betrifft die Dauerhaftigkeit. Für mehrere Wirkstoffe dieser Klasse ist dokumentiert, dass ein großer Teil des verlorenen Gewichts nach Absetzen zurückkehrt. Für CagriSema fehlen aussagekräftige Daten zum Verlauf nach Therapieende. Ob das Amylin-Signal hier einen Unterschied macht, ist unbekannt. Ebenso offen ist die Zusammensetzung des Gewichtsverlusts, also der Anteil von Fettmasse und fettfreier Masse, zu dem systematische Körperzusammensetzungsanalysen über lange Zeiträume fehlen.
Drittens fehlt ein direkter Vergleich mit den kommenden Dreifachagonisten. Retatrutid wird bislang nur indirekt mit CagriSema verglichen, und ein verblindeter Kopf-an-Kopf-Versuch existiert nicht. Da sich das Feld schnell entwickelt und weitere Amylin-Analoga sowie Kombinationskonzepte in der klinischen Prüfung sind, dürfte sich die relative Positionierung in den kommenden Jahren mehrfach verschieben. Der Überblick zu den Inkretinen der nächsten Generation ordnet diese Pipeline ein, und der Leitfaden zu Cagrilintid geht auf die Amylin-Achse im Detail ein.
Viertens bleibt die Frage nach der optimalen Titrationsstrategie unbeantwortet. REDEFINE 1 zeigt, dass unter flexiblen Bedingungen ein erheblicher Teil der Behandelten die höchste Stufe nicht erreicht. Welches Vorgehen das beste Verhältnis von Wirksamkeit und Verträglichkeit erzielt, lässt sich aus den vorliegenden Studien nicht ableiten und wäre Gegenstand eigener Untersuchungen. Nicht zuletzt sind Zugang, Kosten und Versorgungssicherheit ungeklärt, und diese Faktoren bestimmen in der Praxis mindestens so stark über den Nutzen einer Therapie wie die Effektgröße in einer Studie.
Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Bildungszwecken und stellt keine medizinische Beratung dar. CagriSema ist ein Prüfpräparat ohne Zulassung. Sprechen Sie vor jeder Entscheidung über eine Gewichts- oder Diabetestherapie mit einer medizinischen Fachperson. Die rechtliche Einordnung von Prüfsubstanzen und Forschungspeptiden unterscheidet sich je nach Land.
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Häufige Fragen zu CagriSema
Was ist der Unterschied zwischen CagriSema und Cagrilintid?
Ist CagriSema zugelassen und verschreibungsfähig?
Warum werden für REDEFINE 1 sowohl 20,4 als auch 22,7 Prozent genannt?
Wirkt CagriSema besser als Semaglutid allein?
Wie hat CagriSema im direkten Vergleich mit Tirzepatid abgeschnitten?
Welche Nebenwirkungen traten in den Studien am häufigsten auf?
Hilft CagriSema auch bei Typ-2-Diabetes?
Kann man CagriSema als Forschungspeptid beziehen?
Quellen
- Garvey WT, Blüher M, Osorto Contreras CK, et al. (2025). Coadministered Cagrilintide and Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity (REDEFINE 1). New England Journal of Medicine 2025;393(7):635-647. PMID 40544433.
- Davies MJ, Bajaj HS, Broholm C, et al. (2025). Cagrilintide-Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity and Type 2 Diabetes (REDEFINE 2). New England Journal of Medicine 2025;393(7):648-659. PMID 40544432.
- Frias JP, Deenadayalan S, Erichsen L, et al. (2023). Efficacy and safety of co-administered once-weekly cagrilintide with once-weekly semaglutide in type 2 diabetes: a multicentre, randomised, double-blind, active-controlled, phase 2 trial. The Lancet 2023. PMID 37364590.
- Enebo LB, Berthelsen KK, Kankam M, et al. (2021). Safety, tolerability, pharmacokinetics, and pharmacodynamics of concomitant administration of multiple doses of cagrilintide with semaglutide for weight management: a randomised, controlled, phase 1b trial. The Lancet 2021;397(10286):1736-1748. PMID 33894838.
- Lau DCW, Erichsen L, Francisco AM, et al. (2021). Once-weekly cagrilintide for weight management in people with overweight and obesity: a multicentre, randomised, double-blind, placebo-controlled and active-controlled, dose-finding phase 2 trial. The Lancet 2021;398(10317):2160-2172. PMID 34798060.
- Oliveira Carvas A, Leuthardt A, Kulka P, et al. (2025). Cagrilintide lowers bodyweight through brain amylin receptors 1 and 3. eBioMedicine 2025. PMID 40609154.
- REIMAGINE 1 Study Group (2026). Efficacy and safety of once-weekly cagrilintide-semaglutide (CagriSema) in adults with type 2 diabetes inadequately controlled on diet and exercise (REIMAGINE 1): a randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3a study. The Lancet Diabetes & Endocrinology 2026. PMID 42251860.
- Jastreboff AM, Aronne LJ, Ahmad NN, et al. (2022). Tirzepatide Once Weekly for the Treatment of Obesity (SURMOUNT-1). New England Journal of Medicine 2022;387(3):205-216. PMID 35658024.
- Jastreboff AM, Kaplan LM, Frías JP, et al. (2023). Triple-Hormone-Receptor Agonist Retatrutide for Obesity: A Phase 2 Trial. New England Journal of Medicine 2023. PMID 37366315.
- Systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse (2026). Cagrilintide and CagriSema for weight reduction and metabolic risk modification in overweight or obesity: a systematic review and meta-analysis. Journal of Diabetes & Metabolic Disorders 2026. PMID 42180166.
- Novo Nordisk A/S (2026). CagriSema demonstrated 23% weight loss in an open-label head-to-head REDEFINE 4 trial in people with obesity, the primary endpoint was not achieved (Unternehmensmitteilung, 23. Februar 2026). Unternehmensmitteilung, nicht peer-reviewed.