Was ist Pemvidutide (ALT-801)?
Pemvidutide, in der Fachliteratur und in Studienunterlagen auch als ALT-801 oder MD-1373 geführt, ist ein synthetisches Peptid in klinischer Entwicklung. Es wurde vom US-Biotechnologieunternehmen Altimmune mit Sitz in Gaithersburg (Maryland) entworfen und aktiviert gleichzeitig zwei Rezeptoren des Energiehaushalts: den GLP-1-Rezeptor und den Glukagonrezeptor. Die Besonderheit liegt im angestrebten Verhältnis der beiden Aktivitäten, das vom Entwickler als ausgewogen, also etwa 1:1, beschrieben wird.
Die Substanz wird einmal wöchentlich subkutan verabreicht. Chemisch handelt es sich um ein lipidiertes Peptidanalogon mit der Summenformel C₁₈₂H₂₇₅N₃₉O₅₄ und einer Molekülmasse von rund 3873 g/mol, wie der Arzneistoffeintrag in der KEGG-Datenbank ausweist. Die vollständige Aminosäuresequenz hat Altimmune bislang nicht in einer begutachteten Fachzeitschrift veröffentlicht, weshalb seriöse Quellen hier auf eine Beschreibung der Struktur statt auf eine exakte Sequenzangabe zurückgreifen.
Das Entwicklungsprogramm hat sich im Laufe der Jahre verschoben. Ursprünglich stand die Adipositas im Vordergrund, erkennbar an der Phase-2-Studie MOMENTUM. Heute liegt der regulatorische Schwerpunkt auf Lebererkrankungen, insbesondere der metabolischen Dysfunktion-assoziierten Steatohepatitis (MASH), sowie auf der Alkoholkonsumstörung und der alkoholassoziierten Lebererkrankung. Diese Verschiebung ist für die Einordnung der Datenlage wichtig: Die am weitesten fortgeschrittene, qualitativ beste Evidenz betrifft inzwischen die Leber, nicht das Körpergewicht.
Pemvidutide gehört damit zur zweiten Welle der Inkretin-Therapeutika, die über die reine GLP-1-Aktivierung hinausgehen. Einen Überblick über diese Wirkstoffklasse und ihre verschiedenen Rezeptorkombinationen finden Sie in unserem Beitrag zu den Inkretinen der nächsten Generation. Entscheidend bleibt: Pemvidutide ist ein Prüfpräparat. Es ist weder von der FDA noch von der EMA oder Swissmedic zugelassen, und es gibt keinen legalen Weg zur Selbstanwendung außerhalb klinischer Studien.
Wie wirkt ein ausgewogener GLP-1/Glukagon-Doppelagonist?
Der GLP-1-Arm des Moleküls nutzt den gleichen Mechanismus, der auch bei Semaglutid die Gewichtsabnahme vermittelt: Verzögerung der Magenentleerung, Verstärkung der glukoseabhängigen Insulinsekretion und vor allem eine zentralnervös vermittelte Dämpfung des Appetits. Die Nahrungsaufnahme sinkt, ohne dass eine bewusste Kalorienrestriktion im Vordergrund stehen muss.
Der Glukagon-Arm verfolgt ein anderes Ziel. Glukagon gilt umgangssprachlich als Gegenspieler des Insulins, hat aber darüber hinaus ausgeprägte Effekte auf die Leber und den Energieverbrauch. Es fördert die Lipolyse und die Fettsäureoxidation im Hepatozyten und erhöht den Ruheenergieverbrauch. Genau darin liegt die pharmakologische Logik hinter Pemvidutide: Der GLP-1-Anteil senkt die Energiezufuhr, der Glukagon-Anteil soll die Energieabgabe erhöhen und zusätzlich direkt auf die Verfettung der Leber wirken.
Diese Kombination hat jedoch einen Preis, der in der Pharmakologie seit Langem bekannt ist. Eine zu starke Glukagonaktivierung kann den Blutzucker anheben, die Herzfrequenz steigern und den Blutdruck beeinflussen. Deshalb ist das Verhältnis der beiden Aktivitäten keine beliebige Designentscheidung, sondern der zentrale Stellhebel der ganzen Substanzklasse. Altimmune hat Pemvidutide bewusst auf ein ausgewogenes Verhältnis von etwa 1:1 ausgelegt, während andere Doppelagonisten stärker glukagonbetont oder stärker GLP-1-betont sind.
Pharmakokinetisch wird die wöchentliche Gabe durch eine Lipidierungstechnologie ermöglicht, die der Hersteller als EuPort-Domäne bezeichnet. Nach Herstellerangaben liegt die Halbwertszeit bei rund 110 Stunden, die maximale Plasmakonzentration wird erst nach etwa 70 Stunden erreicht. Dieses flache Konzentrationsprofil ist nicht nur ein technisches Detail: Ein verzögertes und abgeflachtes Maximum kann die Verträglichkeit verbessern, weil die typischen gastrointestinalen Spitzeneffekte abgemildert werden. Der Hersteller hat daraus abgeleitet, dass eine klassische Dosistitration möglicherweise entbehrlich sei. Diese Behauptung ist plausibel, aber nicht in einer unabhängigen, begutachteten Vergleichsstudie bestätigt.
Was zeigte die MOMENTUM-Studie zur Adipositas?
MOMENTUM war die zentrale Phase-2-Studie zur Gewichtsreduktion. Eingeschlossen wurden rund 391 Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas und mindestens einer Begleiterkrankung, jedoch ohne Typ-2-Diabetes. Die Teilnehmenden erhielten über 48 Wochen einmal wöchentlich eine von drei Dosisstufen oder Placebo, jeweils begleitet von einem Ernährungs- und Bewegungsprogramm.
Nach 48 Wochen lagen die mittleren Gewichtsabnahmen bei 10,3 Prozent, 11,2 Prozent und 15,6 Prozent in den Gruppen mit 1,2 mg, 1,8 mg und 2,4 mg, gegenüber 2,2 Prozent unter Placebo. In der höchsten Dosisgruppe erreichten laut Studienbericht mehr als die Hälfte der Teilnehmenden eine Abnahme von mindestens 15 Prozent und mehr als 30 Prozent eine Abnahme von mindestens 20 Prozent. Bemerkenswert war außerdem, dass die Kurve in der 2,4-mg-Gruppe am Studienende noch keinen Plateaueffekt zeigte, der Gewichtsverlust also weiter anhielt.
Berichtet wurden zusätzlich Verbesserungen der Serumlipide und des Blutdrucks sowie, gemessen per MRT-basierter Protonendichte-Fettfraktion, deutliche Rückgänge des Leberfetts. Diese Begleiteffekte sind mechanistisch kohärent mit dem Glukagon-Anteil des Moleküls und haben die späteren Leberstudien mit begründet.
Bei der Einordnung dieser Zahlen ist methodische Zurückhaltung geboten. Die 48-Wochen-Ergebnisse von MOMENTUM wurden 2024 als Oralvortrag und Abstract bei den Scientific Sessions der American Diabetes Association präsentiert und in der Zeitschrift Diabetes als Abstract 262-OR publiziert. Eine vollständige, vollständig begutachtete Primärpublikation mit allen Tabellen, Konfidenzintervallen und Sensitivitätsanalysen liegt nach unserer Recherche bis heute nicht vor. Abstracts durchlaufen eine deutlich weniger strenge Prüfung als Originalarbeiten, und Angaben zu Analysepopulationen oder Umgang mit Studienabbrechern bleiben darin typischerweise unvollständig.
Außerdem gab es in MOMENTUM keinen aktiven Vergleichsarm. Ein direkter Vergleich der 15,6 Prozent mit den Werten, die für Tirzepatid oder Semaglutid in deren eigenen Phase-3-Programmen berichtet wurden, ist daher statistisch nicht zulässig. Unterschiedliche Populationen, Studiendauern, Begleitprogramme und Analyseregeln erzeugen Differenzen, die schnell in der Größenordnung des vermeintlichen Wirkstoffunterschieds liegen.
Wie belastbar sind die Daten zur Magermasse?
Kein anderer Datenpunkt wird im Zusammenhang mit Pemvidutide so häufig zitiert wie die angebliche Schonung der Magermasse. Die Zahl dahinter lautet: 21,9 Prozent des Gewichtsverlusts entfielen auf Magermasse, 78,1 Prozent auf Fettmasse. Der Hersteller stellt dem die historische Beobachtung gegenüber, dass bei anderen Inkretinwirkstoffen der Magermasseanteil am Gewichtsverlust bis zu etwa 40 Prozent betragen habe.
Diese Gegenüberstellung verdient eine genaue Prüfung, denn mehrere Einschränkungen sind erheblich:
- Kleine Stichprobe: Die vollständige MRT-basierte Körperzusammensetzungsanalyse umfasste 50 Teilnehmende unter Pemvidutide, nicht die gesamte Studienpopulation von rund 391 Personen. Eine Subgruppe dieser Größe erlaubt keine präzise Punktschätzung.
- Indirekter Vergleich: Der Bezug auf andere Wirkstoffe erfolgt gegen publizierte Fremddaten, nicht gegen einen randomisierten Kontrollarm im selben Protokoll. Solche Vergleiche sind anfällig für Unterschiede in Ausgangsgewicht, Ernährungsprotokoll, Proteinzufuhr und körperlicher Aktivität.
- Unterschiedliche Messverfahren: MRT und DXA quantifizieren Körperkompartimente nach verschiedenen Prinzipien und liefern nicht austauschbare Werte. Wird MRT gegen DXA-Daten anderer Studien verglichen, entsteht ein methodischer Bruch.
- Publikationsstatus: Auch diese Analyse liegt auf Abstract- und Unternehmenskommunikationsniveau vor.
- Klinische Relevanz: Magermasse ist nicht gleich funktionelle Muskulatur. Dass ein günstigerer Fett-zu-Magermasse-Quotient sich in besserer Kraft, Mobilität oder Langzeitprognose niederschlägt, ist eine Hypothese, kein belegter klinischer Nutzen.
Die faire Zusammenfassung lautet daher: Die Signale zur Körperzusammensetzung unter Pemvidutide sind interessant und mechanistisch nachvollziehbar, denn eine Erhöhung des Energieverbrauchs über den Glukagonrezeptor könnte den Anteil mobilisierten Fettgewebes erhöhen. Als bewiesener Vorteil gegenüber Semaglutid oder Tirzepatid darf die Beobachtung aber nicht gelten. Dafür wäre eine prospektive, randomisierte Kopf-an-Kopf-Studie mit standardisierter Messmethode und funktionellen Endpunkten erforderlich. Eine solche Studie existiert derzeit nicht.
Welche Leberdaten liegen vor (MASLD und IMPACT)?
Die qualitativ stärkste Evidenz zu Pemvidutide betrifft die Leber, und zwar in drei aufeinander aufbauenden Schritten. Zuerst untersuchte eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie bei MASLD (metabolische Dysfunktion-assoziierte steatotische Lebererkrankung) Erwachsene mit einem BMI von mindestens 28 kg/m² und einem Leberfettgehalt von mindestens 10 Prozent. Nach 12 Wochen wöchentlicher Behandlung zeigten die drei Dosisgruppen relative Rückgänge des Leberfettgehalts von 46,6 Prozent, 68,5 Prozent und 57,1 Prozent. Diese Arbeit wurde 2025 im Journal of Hepatology publiziert.
Ein verlängerter Studienabschnitt über 24 Wochen, veröffentlicht in JHEP Reports, bestätigte und verstärkte das Signal: Die relativen Reduktionen des Leberfettgehalts betrugen 56,3 Prozent, 75,2 Prozent und 76,4 Prozent in den Gruppen mit 1,2 mg, 1,8 mg und 2,4 mg, gegenüber 14,0 Prozent unter Placebo. Die Verträglichkeit wurde über alle Dosisstufen als gut beschrieben.
Den entscheidenden Schritt markierte die Phase-2b-Studie IMPACT, deren 24-Wochen-Ergebnisse 2025 in The Lancet erschienen. Eingeschlossen wurden 212 Patientinnen und Patienten mit bioptisch gesicherter MASH und Fibrose im Stadium F2 oder F3, randomisiert auf 1,2 mg, 1,8 mg oder Placebo. Die Studie hatte zwei primäre Endpunkte, und die Ergebnisse fielen unterschiedlich aus.
| Endpunkt nach 24 Wochen | 1,2 mg | 1,8 mg | Placebo |
|---|---|---|---|
| MASH-Rückbildung ohne Fibroseverschlechterung | 59,1 % | 52,1 % | 19,1 % |
| Fibroseverbesserung ohne MASH-Verschlechterung | 33 % | 36 % | 28 % |
Der erste primäre Endpunkt wurde mit großem Abstand und hoher statistischer Signifikanz für beide Dosierungen erreicht. Der zweite primäre Endpunkt, die histologische Fibroseverbesserung, wurde nach 24 Wochen nicht erreicht. Das ist eine wichtige, oft übergangene Einschränkung. Eine ergänzende, KI-gestützte Auswertung der Leberbiopsien deutete darauf hin, dass ein Teil der Behandelten eine deutliche Reduktion des Fibrosegewebes erreichte, doch solche Analysen sind explorativ und ersetzen keinen erreichten Primärendpunkt.
Im Dezember 2025 berichtete der Hersteller über die 48-Wochen-Auswertung von IMPACT. Dabei zeigten sich weitere Verbesserungen nichtinvasiver Fibrosemarker, namentlich des ELF-Scores und der elastographisch gemessenen Lebersteifigkeit, sowie der Leberfettwerte und der Transaminasen. Diese Angaben stammen aus Unternehmensmitteilungen und Kongressbeiträgen und sind noch nicht vollständig begutachtet publiziert.
Welche Nebenwirkungen wurden berichtet?
Das Nebenwirkungsprofil von Pemvidutide entspricht in seinen Grundzügen dem der übrigen Inkretinwirkstoffe und wird von gastrointestinalen Ereignissen dominiert. In der IMPACT-Studie traten unerwünschte Ereignisse jeglicher Art bei 78 Prozent der Patienten unter 1,2 mg, 81 Prozent unter 1,8 mg und 67 Prozent unter Placebo auf. Gastrointestinale Störungen waren die häufigste Kategorie und betrafen rund 46 Prozent der insgesamt 212 Studienteilnehmenden, wobei keine schweren gastrointestinalen Ereignisse berichtet wurden.
Bei den Einzelsymptomen stand Übelkeit im Vordergrund, mit 21,4 Prozent unter 1,2 mg und 41,2 Prozent unter 1,8 mg gegenüber 14,1 Prozent unter Placebo. Erbrechen trat bei 4,8 Prozent beziehungsweise 8,2 Prozent auf, verglichen mit 2,4 Prozent unter Placebo. Die Dosisabhängigkeit ist deutlich erkennbar und entspricht dem Klassenverhalten. Bemerkenswert war die niedrige Abbruchrate: Behandlungsabbrüche wegen unerwünschter Ereignisse betrafen keinen der 41 Patienten unter 1,2 mg, einen von 85 unter 1,8 mg und zwei von 86 unter Placebo.
Spezifisch für die Glukagonkomponente sind zwei weitere Aspekte zu beachten. Erstens wurde über das Dosisspektrum ein kleiner, aber statistisch signifikanter Anstieg der Herzfrequenz beobachtet. In den Adipositasdaten berichtete der Hersteller keine Häufung kardialer Ereignisse oder Arrhythmien, doch die Studiengrößen waren für solche Aussagen nicht ausgelegt. Zweitens bleibt die Glukosehomöostase ein Punkt, der in größeren und längeren Studien, insbesondere bei Menschen mit Typ-2-Diabetes, sorgfältig überwacht werden muss, da Glukagonagonismus theoretisch blutzuckersteigernd wirkt.
Nicht ausreichend untersucht sind bislang die Langzeitsicherheit über mehrere Jahre, die Anwendung in der Schwangerschaft und Stillzeit, Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln, die Anwendung bei fortgeschrittener Zirrhose sowie Daten bei Kindern und Jugendlichen. Für die allgemeinen Klasseneffekte und deren Management lohnt der Blick auf unsere Übersicht zu den Nebenwirkungen von GLP-1-Wirkstoffen.
Medizinischer Hinweis: Dieser Abschnitt fasst publizierte Studienbeobachtungen zusammen und stellt keine individuelle Sicherheitsbewertung dar. Die genannten Dosierungen sind reine Studienangaben und ausdrücklich keine Empfehlung. Pemvidutide ist ein Prüfpräparat ohne Zulassung. Wenden Sie sich bei Fragen zu Ihrem Gewicht oder Ihrer Lebergesundheit an eine qualifizierte medizinische Fachperson.
Wie unterscheidet sich Pemvidutide von Survodutide und Mazdutide?
Pemvidutide ist nicht der einzige GLP-1/Glukagon-Doppelagonist in der späten Entwicklung. Die beiden wichtigsten Mitbewerber sind Survodutide (Boehringer Ingelheim und Zealand Pharma) und Mazdutide (Innovent und Eli Lilly). Alle drei teilen das Grundprinzip, unterscheiden sich aber in der Rezeptorbalance, im geografischen Entwicklungsschwerpunkt und vor allem im Reifegrad der Evidenz.
| Wirkstoff | Profil | Höchste publizierte Evidenzstufe | Berichtete Gewichtsabnahme |
|---|---|---|---|
| Pemvidutide | Ausgewogen, etwa 1:1 | Phase 2b (MASH), Phase 2 (Adipositas) | 15,6 % nach 48 Wochen in der höchsten Dosis (MOMENTUM, Abstract) |
| Survodutide | Glukagonbetont | Phase 3 (Adipositas), Phase 2 (MASH) | 12,2 % und 13,0 % nach 76 Wochen (SYNCHRONIZE-1, Treatment-Regimen-Estimand) |
| Mazdutide | Oxyntomodulin-Analogon | Phase 3 (Adipositas, China) | 16,65 % nach 60 Wochen unter 9 mg gegenüber 1,50 % unter Placebo (GLORY-2) |
Survodutide ist in der Adipositasindikation am weitesten fortgeschritten. Die Phase-3-Studie SYNCHRONIZE-1 wurde 2026 im New England Journal of Medicine publiziert und zeigte nach 76 Wochen mittlere Gewichtsveränderungen von 12,2 Prozent und 13,0 Prozent in den Gruppen mit 3,6 mg und 6,0 mg. Auch bei MASH liegt für Survodutide eine im New England Journal of Medicine publizierte Phase-2-Studie vor, die 2024 erschien.
Mazdutide, ein Analogon des Oxyntomodulins mit Fettsäureseitenkette, wird vorrangig in China entwickelt. Die Phase-3-Studie GLORY-2 untersuchte 9 mg wöchentlich über 60 Wochen bei chinesischen Erwachsenen mit Adipositas und wurde 2026 in JAMA publiziert.
Beim direkten Lesen dieser Tabelle gilt eine zentrale Warnung: Die Zahlen stammen aus unterschiedlichen Studien mit verschiedenen Populationen, Studiendauern, Ausgangsgewichten, statistischen Schätzprinzipien und Begleitprogrammen. Ein Ranking der drei Wirkstoffe lässt sich daraus nicht ableiten. Das gilt ebenso für den Vergleich mit den etablierten Wirkstoffen, bei denen in den jeweiligen Zulassungsprogrammen Gewichtsabnahmen von etwa 15 bis 17 Prozent für Semaglutid und etwa 20 bis 22 Prozent für Tirzepatid berichtet wurden. Belastbar wären solche Aussagen nur aus randomisierten Vergleichsstudien, und diese fehlen für Pemvidutide bislang vollständig.
Welchen Zulassungsstatus hat Pemvidutide 2026?
Die kürzeste und wichtigste Antwort lautet: Pemvidutide ist in keinem Land als Arzneimittel zugelassen. Es gibt keine Zulassung durch die FDA, keine durch die EMA und keine durch Swissmedic. Jede Verwendung außerhalb einer genehmigten klinischen Studie findet ohne regulatorische Prüfung von Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit statt.
Innerhalb des Entwicklungsprogramms hat sich 2026 dennoch viel bewegt. Im Januar 2026 erteilte die FDA auf Basis der 24-Wochen-Daten aus IMPACT eine Breakthrough Therapy Designation für die Indikation MASH. Diese Einstufung beschleunigt die behördliche Interaktion und signalisiert ein erkennbares Potenzial gegenüber bestehenden Optionen, sie ist jedoch keine Zulassung und keine Aussage über den endgültigen Nutzen. Im August 2026 startete die globale, randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Phase-3-Studie PERFORMA bei Erwachsenen mit MASH und bestätigter moderater bis fortgeschrittener Fibrose (F2 bis F3). Die Studie ist ereignisgesteuert angelegt und enthält eine Interimsanalyse, die eine beschleunigte Zulassung stützen soll.
Parallel verfolgt der Entwickler zwei weitere Indikationen. Für die Alkoholkonsumstörung meldete Altimmune im Juli 2026 positive Topline-Ergebnisse der Phase-2-Studie RECLAIM: Der primäre Endpunkt, die Reduktion der Tage mit starkem Alkoholkonsum pro Woche, wurde unter 2,4 mg statistisch signifikant gegenüber Placebo erreicht. Zusätzlich läuft ein Programm zur alkoholassoziierten Lebererkrankung. Die Adipositasindikation steht demgegenüber derzeit nicht im Zentrum der eigenen Entwicklungsanstrengungen.
Praktisch bedeutet dieser Status: Produkte, die online als Pemvidutide für Forschungszwecke angeboten werden, entstammen keiner regulierten Arzneimittelherstellung. Identität, Reinheit, Endotoxingehalt und Dosisgenauigkeit sind unbekannt, und die rechtliche Lage unterscheidet sich zwischen den Ländern erheblich. Dieser Leitfaden enthält bewusst keine Bezugsquellen, keine Preise und kein Anwendungsprotokoll. Er beschreibt Studienergebnisse, nicht eine Behandlung.
Welche Fragen bleiben offen?
Der nüchterne Blick auf die Evidenzlage zeigt mehrere Lücken, die über das weitere Schicksal des Wirkstoffs entscheiden werden. Die erste und wichtigste betrifft die Fibrose. Die MASH-Rückbildung nach 24 Wochen war eindrucksvoll, doch der histologische Fibroseendpunkt wurde verfehlt. Da die Fibrose der beste bekannte Prädiktor für lebensbedrohliche Leberkomplikationen ist, muss PERFORMA zeigen, dass sich die bisher nur in nichtinvasiven Markern sichtbaren Verbesserungen über längere Zeiträume auch histologisch und klinisch abbilden.
Die zweite Lücke betrifft die Adipositasdaten. Solange MOMENTUM nur als Kongressabstract vorliegt und kein Phase-3-Programm zur Gewichtsreduktion läuft, bleibt die Gewichtswirkung von Pemvidutide eine gut begründete, aber unvollständig dokumentierte Beobachtung. Das gilt insbesondere für die Frage, ob die Gewichtsabnahme nach Absetzen erhalten bleibt, denn Daten zur Gewichtswiederzunahme fehlen.
Drittens ist die vielbeworbene Schonung der Magermasse bislang eine Hypothese. Nötig wären randomisierte Kopf-an-Kopf-Studien gegen Semaglutid oder Tirzepatid mit einheitlicher Messmethode, kontrollierter Proteinzufuhr und funktionellen Endpunkten wie Griffkraft oder Gehgeschwindigkeit. Erst dann ließe sich beurteilen, ob der Unterschied klinisch zählt.
Viertens fehlen Langzeit- und Ereignisdaten. Kardiovaskuläre Endpunktstudien, wie sie für etablierte Inkretinwirkstoffe vorliegen, existieren für Pemvidutide nicht. Angesichts der leichten Herzfrequenzsteigerung und der glukagonvermittelten Stoffwechseleffekte ist das eine relevante Unbekannte. Ebenso offen sind die Wirkung und Sicherheit bei Typ-2-Diabetes in größerem Umfang, bei kompensierter Zirrhose und in besonderen Populationen.
Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich Bildungs- und Informationszwecken und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Pemvidutide ist ein Prüfpräparat ohne arzneimittelrechtliche Zulassung. Alle genannten Zahlen sind Studienergebnisse und keine Handlungsanweisung. Besprechen Sie Entscheidungen zu Gewicht, Stoffwechsel oder Lebergesundheit immer mit einer Ärztin oder einem Arzt.
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Häufige Fragen zu Pemvidutide
Was ist Pemvidutide und wer entwickelt es?
Wie viel Gewichtsverlust wurde in den Studien beobachtet?
Schont Pemvidutide wirklich die Muskelmasse besser als andere GLP-1-Wirkstoffe?
Hat Pemvidutide seine MASH-Studie erfolgreich bestanden?
Welche Nebenwirkungen sind am häufigsten?
Ist Pemvidutide zugelassen oder legal erhältlich?
Wie unterscheidet sich Pemvidutide von Survodutide und Mazdutide?
Wann könnte Pemvidutide verfügbar sein?
Quellen
- Harrison SA, et al. (2025). Effect of pemvidutide, a GLP-1/glucagon dual receptor agonist, on MASLD: A randomized, double-blind, placebo-controlled study. Journal of Hepatology 2025;82(1):7-17.
- Browne SK, et al. (2025). Safety and efficacy of 24 weeks of pemvidutide in metabolic dysfunction-associated steatotic liver disease: A randomized, controlled clinical trial. JHEP Reports 2025;7(11):101483.
- Noureddin M, Harrison SA, Loomba R, Alkhouri N, et al. (2025). Safety and efficacy of weekly pemvidutide versus placebo for metabolic dysfunction-associated steatohepatitis (IMPACT): 24-week results from a multicentre, randomised, double-blind, phase 2b study. The Lancet 2025;406(10520):2644-2655.
- MOMENTUM-Studiengruppe (ADA Scientific Sessions, Abstract 262-OR) (2024). 262-OR: Pemvidutide, a GLP-1/Glucagon Dual Receptor Agonist, in Subjects with Overweight or Obesity: A 48-Week, Placebo-Controlled, Phase 2 (MOMENTUM) Trial. Diabetes 2024;73(Supplement_1):262-OR.
- Sanyal AJ, et al. (2024). A Phase 2 Randomized Trial of Survodutide in MASH and Fibrosis. New England Journal of Medicine 2024;391(4):311-319.
- le Roux CW, et al. (2026). Survodutide Once Weekly for the Treatment of Adults with Obesity (SYNCHRONIZE-1). New England Journal of Medicine.
- Ji L, et al. (2026). Treatment With 9-mg Mazdutide for Weight Reduction in Chinese Adults With Obesity: The GLORY-2 Randomized Clinical Trial. JAMA 2026;336(5):377-388.
- KEGG DRUG Database (2026). Pemvidutide (D12861): Summenformel und Molekülmasse. Kyoto Encyclopedia of Genes and Genomes.