- Die nasale Schleimhaut ist stark durchblutet und umgeht den First-Pass-Effekt der Leber, weshalb sie fuer Peptide als Alternative zur Injektion diskutiert wird.
- Es existieren zwei beschriebene Transportwege von der Nase zum Gehirn: ein intrazellulaerer Weg ueber olfaktorische Sinneszellen und ein extrazellulaerer Weg entlang perineuraler Raeume von Riech- und Trigeminusnerv.
- Die nasale Bioverfuegbarkeit von Peptiden und Proteinen liegt in Uebersichtsarbeiten typischerweise unter einem Prozent und sinkt mit steigendem Molekulargewicht.
- Semax und Selank sind in Russland als Arzneimittel registriert, besitzen aber keine Zulassung durch FDA oder EMA; die klinischen Daten stammen ueberwiegend aus kleinen, russischsprachig publizierten Studien.
- Die intranasale Entwicklung von Bremelanotid wurde zugunsten der subkutanen Gabe eingestellt; zugelassen ist ausschliesslich die Injektionsform.
- Bei Oxytocin ist seit Jahren offen, welcher Anteil der Effekte auf den direkten Weg Nase-Gehirn und welcher auf die systemische Aufnahme zurueckgeht.
- Zu Melanotan II als Nasenspray existiert ein publizierter Fallbericht eines malignen Schleimhautmelanoms; Melanotan II ist in vielen Laendern nicht verkehrsfaehig.
Warum werden manche Peptide ueberhaupt ueber die Nase verabreicht?
Peptide sind biochemisch anspruchsvolle Molekuele. Sie sind hydrophil, oft gross, und sie werden von Peptidasen rasch zerlegt. Genau deshalb landen die meisten Forschungspeptide in der Spritze: die subkutane Injektion umgeht Magensaeure, Darmwand und Leber und liefert eine kalkulierbare Menge Wirkstoff in den Blutkreislauf. Die orale Gabe scheitert bei unmodifizierten Peptiden dagegen fast immer, ein Thema, das wir im Detail in unserem Beitrag zur oralen Bioverfuegbarkeit von Peptiden behandeln.
Die Nasenschleimhaut ist aus pharmazeutischer Sicht ein interessanter Mittelweg. Sie ist duenn, stark vaskularisiert und bietet eine relativ grosse Oberflaeche. Substanzen, die dort resorbiert werden, gelangen direkt in den systemischen Kreislauf und umgehen den hepatischen First-Pass-Metabolismus. Hinzu kommt ein zweites, neurologisch spannenderes Argument: ein Teil der Nasenhoehle grenzt unmittelbar an das Riechepithel, und von dort fuehren anatomische Bahnen in Richtung Zentralnervensystem.
Fuer Molekuele, deren Zielstruktur im Gehirn liegt, ist das ein attraktiver Gedanke. Die Blut-Hirn-Schranke haelt die meisten Peptide zuverlaessig zurueck. Wenn ein Bruchteil der nasal applizierten Dosis diese Barriere umgehen kann, waeren theoretisch geringere Gesamtmengen nötig, um eine zentrale Wirkung zu erzielen. Diese Hypothese ist der Grund, weshalb nootrop oder neuroprotektiv untersuchte Peptide wie Semax und Selank historisch als Nasentropfen und nicht als Injektion entwickelt wurden.
Praktische Erwaegungen spielen ebenfalls eine Rolle. Ein Spray erfordert keine Nadel, keine Rekonstitution mit Loesungsmittel und keine Entsorgung von Spritzenabfall. Fuer Anwender im Forschungskontext ist das ein erheblicher Unterschied in der Handhabung. Diese Bequemlichkeit darf jedoch nicht mit pharmakologischer Gleichwertigkeit verwechselt werden: wie dieser Artikel zeigt, ist die nasale Route in puncto Praezision und Reproduzierbarkeit der Injektion klar unterlegen.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschliesslich Informations- und Bildungszwecken. Er enthaelt bewusst keine Dosierungsangaben, keine Anwendungsprotokolle und keine Angaben zur Anzahl von Spruehstoessen. Die hier besprochenen Substanzen sind, mit Ausnahme zugelassener Arzneimittel, Forschungssubstanzen ohne Zulassung fuer die Anwendung am Menschen.
Wie gelangt ein Peptid von der Nasenhoehle ins Gehirn?
Der sogenannte Nase-Hirn-Transport ist kein einzelner Mechanismus, sondern ein Buendel moeglicher Wege. In der Uebersichtsarbeit von Crowe und Kollegen (Life Sciences, 2018) werden zwei grundlegende Prinzipien unterschieden. Der intrazellulaere Weg beginnt mit einer Endozytose des Molekuels durch olfaktorische Sinneszellen. Von dort erfolgt ein axonaler Transport zum Bulbus olfactorius, wo die Substanz freigesetzt und anschliessend in weitere Hirnregionen verteilt wird. Dieser Weg ist langsam, weil axonaler Transport Zeit braucht.
Der extrazellulaere Weg funktioniert anders und schneller. Hier passiert das Molekuel den parazellulaeren Raum des Nasenepithels, erreicht die perineuralen Raeume von Riech- und Trigeminusnerv und diffundiert ueber diese in den Subarachnoidalraum. Von dort ist eine weitere extrazellulaere Verteilung im Hirnparenchym moeglich. Dieselbe Arbeit beschreibt die Abfolge als Penetration durch die nasale Epithelbarriere, Diffusion in perivaskulaeren oder perineuralen Raeumen entlang der genannten Nerven und abschliessende extrazellulaere Verteilung im Gehirn.
Wichtig ist eine anatomische Einschraenkung, die in der Diskussion oft untergeht: nur ein begrenzter Anteil der menschlichen Nasenhoehle ist olfaktorisches Epithel. Der grosse Rest ist respiratorische Schleimhaut, die zwar Substanzen in den Blutkreislauf aufnimmt, aber keinen direkten neuronalen Zugang bietet. Ein Spray, dessen Tropfen vorwiegend im unteren, respiratorischen Bereich landen, erzeugt daher primaer eine systemische Aufnahme, nicht einen Nase-Hirn-Transport.
Tierexperimentell gibt es fuer den direkten Weg belastbare Hinweise. Lee und Kollegen verabreichten Rhesusaffen deuteriummarkiertes Oxytocin intranasal und intravenoes und bestimmten zwei Stunden spaeter die Konzentrationen in zwoelf Hirnregionen (Nature Communications, 2020). Markiertes Oxytocin war nach intranasaler, nicht aber nach intravenoeser Gabe in Regionen nachweisbar, die in den Verlaufsbahnen von Riech- und Trigeminusnerv liegen, darunter orbitofrontaler Kortex, Striatum, Hirnstamm und Thalamus. Die Autoren schlossen daraus auf eine Umgehung der Blut-Hirn-Schranke.
Von diesem Nachweis bis zur Behauptung, ein beliebiges nasal verabreichtes Peptid erreiche sein Ziel im Gehirn in relevanter Menge, ist es jedoch ein weiter Weg. Nachweisbarkeit ist nicht gleich Wirksamkeit, und ein Befund bei Primaten unter standardisierten Laborbedingungen laesst sich nicht ohne Weiteres auf andere Molekuele, andere Formulierungen oder andere Applikationsgeraete uebertragen.
Wie viel eines Peptids wird nasal tatsaechlich aufgenommen?
Hier liegt die nuechternste Zahl des gesamten Themas. In der Uebersichtsarbeit von Ozsoy, Gungor und Cevher (Molecules, 2009) wird die nasale Bioverfuegbarkeit von Peptid- und Proteinwirkstoffen aufgrund ihrer hydrophilen Struktur als in der Regel unter einem Prozent beschrieben. Die Autoren weisen zudem darauf hin, dass die Bioverfuegbarkeit umgekehrt proportional zum Molekulargewicht und zur Anzahl der Aminosaeuren verlaeuft. Kleine Peptide haben also strukturell die besseren Karten, grosse Molekuele die schlechteren.
Drei Barrieren erklaeren diesen Wert. Erstens die begrenzte Permeabilitaet der Schleimhautmembran fuer hydrophile Molekuele. Zweitens die enzymatische Degradation durch Peptidasen, die in der Nasenschleimhaut aktiv sind. Drittens die mukoziliaere Clearance: der Flimmerepithel-Teppich der Nase transportiert Sekret und alles darin Geloeste kontinuierlich in Richtung Rachen, wo es geschluckt wird. Die Verweilzeit am Resorptionsort ist dadurch kurz, und die mukoziliaere Clearance gilt als wesentliche Determinante von Rate und Ausmass der nasalen Resorption.
Dieselbe Uebersicht benennt die pharmazeutischen Gegenmassnahmen: in der Regel muessen Enzyminhibitoren und Absorptionsverbesserer mitformuliert werden, um einen transmukosalen Transport biologisch aktiver Peptide und Proteine erfolgreich zu gestalten. Neuere Ansaetze arbeiten mit Nanotraegern, die Loeslichkeit erhoehen, vor chemischem und enzymatischem Abbau schuetzen und durch Mukoadhaesion die Verweilzeit verlaengern sollen.
Fuer die Praxis bedeutet das zwei Dinge. Erstens: Eine Formulierung ist kein Detail, sondern der eigentliche technische Kern eines nasalen Peptidprodukts. Ein Peptid, das lediglich in Kochsalzloesung geloest und in eine Sprayflasche gefuellt wird, nutzt keinen der oben genannten Mechanismen. Zweitens: Die Streuung ist erheblich. Schnupfen, Allergien, Septumdeviationen, Spruehtechnik, Kopfhaltung und Spruehwinkel beeinflussen, welcher Anteil wo landet. Diese intra- und interindividuelle Variabilitaet ist der zentrale methodische Nachteil der nasalen Route gegenueber der Injektion.
Ein Vergleich macht die Groessenordnung greifbar: Bei subkutaner Injektion liegt die Bioverfuegbarkeit vieler Peptide im Bereich mehrerer Dutzend Prozent bis nahe vollstaendig, bei oraler Gabe unmodifizierter Peptide praktisch bei null. Die nasale Route liegt dazwischen, aber deutlich naeher am unteren Ende, als Marketingtexte oft suggerieren.
Was ist fuer Semax und Selank als Nasenpraeparate belegt?
Semax ist ein Heptapeptid aus dem ACTH(4-7)-Fragment, verlaengert um das Tripeptid Pro-Gly-Pro. Diese C-terminale Verlaengerung ist kein Zufall: sie verlangsamt den enzymatischen Abbau und verlaengert damit die Halbwertszeit gegenueber dem nativen ACTH-Fragment. Entwickelt wurde die Substanz am Institut fuer Molekulargenetik in Moskau. Selank folgt demselben Bauprinzip: es ist ein Heptapeptid (Thr-Lys-Pro-Arg-Pro-Gly-Pro), das auf dem endogenen Tetrapeptid Tuftsin aufbaut und ebenfalls durch Pro-Gly-Pro stabilisiert wird.
Beide Substanzen sind in Russland als Arzneimittel registriert und werden dort als Nasentropfen eingesetzt. Diese Registrierung ist eine Tatsache, aber sie ist nicht mit einer Zulassung durch die FDA oder die EMA gleichzusetzen. Weder Semax noch Selank besitzen eine solche Zulassung, und beide gelten in der EU und in den USA als Forschungssubstanzen ohne Freigabe fuer die Anwendung am Menschen.
Die klinische Datenlage ist aufschlussreich, aber begrenzt. Fuer Semax untersuchten Gusev, Skvortsova und Kollegen die Wirksamkeit in der Akutphase des hemisphaeriellen ischaemischen Schlaganfalls (Zh Nevrol Psikhiatr Im S S Korsakova, 1997). Dreissig Patienten erhielten Semax zusaetzlich zur Standardtherapie, 80 Kontrollpatienten die Standardtherapie allein; die Verlaufskontrolle erfolgte unter anderem mit EEG-Mapping und somatosensorisch evozierten Potenzialen. Fuer Selank liegt eine Vergleichsstudie von Zozulia, Neznamov und Kollegen vor (Zh Nevrol Psikhiatr Im S S Korsakova, 2008): 62 Patienten mit generalisierter Angststoerung und Neurasthenie, davon 30 unter Selank und 32 unter Medazepam. Die anxiolytischen Effekte beider Substanzen waren vergleichbar, Selank zeigte zusaetzlich antiasthenische und psychostimulierende Effekte.
Was bei diesen Studien auffaellt, ist nicht das Ergebnis, sondern die Methodik ihres Umfelds. Es handelt sich um kleine Stichproben, publiziert in russischsprachigen Fachzeitschriften, ohne unabhaengige Replikation durch westliche Studiengruppen und ohne die Praeregistrierungs- und Transparenzstandards, die heute fuer Zulassungsstudien gelten. Daraus folgt nicht, dass die Befunde falsch sind. Es folgt, dass sie als Hinweise und nicht als gesicherte Wirksamkeitsnachweise zu lesen sind. Eine Gegenueberstellung der beiden Peptide finden Sie in unserem Vergleich Selank gegen Semax.
Praeklinisch ist die Lage breiter. Fuer Semax existieren zahlreiche Nagetierstudien zu Genexpression, Neurotrophinen und Entzuendungsmediatoren nach zerebraler Ischaemie, und ein Teil dieser Arbeiten verwendete explizit die intranasale Applikation. Die Uebertragung tierexperimenteller Befunde auf den Menschen bleibt jedoch der entscheidende offene Punkt.
Warum wurde die intranasale Form von Bremelanotid aufgegeben?
Die Entwicklungsgeschichte von Bremelanotid (PT-141) ist das instruktivste Beispiel dafuer, dass die nasale Route nicht nur eine Frage der Bequemlichkeit ist. Bremelanotid ist ein zyklisches Melanokortin-Rezeptor-Agonist-Peptid und wurde zuerst als Nasenspray in die klinische Pruefung gebracht.
Es gibt publizierte Studien zu dieser Form. Diamond und Kollegen untersuchten in einem randomisierten Cross-over-Design bei 19 Maennern mit erektiler Dysfunktion die Kombination von intranasalem PT-141 mit Sildenafil in subtherapeutischen Dosen (Urology, 2005). Die erektile Antwort unter Kombination war signifikant groesser als unter Sildenafil allein. Eine groessere Arbeit von Safarinejad schloss 342 verheiratete Maenner ein, die auf Sildenafil nicht ansprachen; 172 erhielten intranasales Bremelanotid, 170 Placebo (Journal of Urology, 2008). Die erektile Funktion verbesserte sich bei 33,5 Prozent der Verum- und 8,5 Prozent der Placebogruppe, allerdings traten in der Verumgruppe signifikant mehr arzneimittelbezogene Nebenwirkungen auf. Zu dieser Publikation wurde 2023 eine Expression of Concern veroeffentlicht, was ihre Belastbarkeit zusaetzlich einschraenkt und hier ausdruecklich erwaehnt sein soll.
Entscheidend ist, was danach geschah. Das intranasale Programm wurde eingestellt, nachdem im Entwicklungsverlauf dosisabhaengige Blutdruckanstiege dokumentiert wurden. Der Hersteller wechselte auf die subkutane Gabe, bei der die Variabilitaet der Plasmaexposition nach eigenen Angaben deutlich reduziert war. Die heute zugelassene Arzneiform von Bremelanotid ist ausschliesslich die subkutane Injektion; ein intranasales Bremelanotid-Produkt hat nie eine Marktzulassung erhalten.
Der kausale Zusammenhang ist pharmakologisch plausibel: eine stark schwankende Resorption bedeutet bei einer Substanz mit kardiovaskulaeren Effekten, dass einzelne Anwendungen unvorhersehbar hohe Spitzenkonzentrationen erzeugen koennen. Genau diese Unberechenbarkeit war das Problem. Wer heute nasale Formate von PT-141 im Graumarkt antrifft, sollte wissen, dass diese Darreichungsform im regulierten Entwicklungsprozess aus Sicherheitsgruenden verworfen wurde. Weitere Hintergruende zum Peptid selbst und zu Bezugsfragen behandeln wir in unserem Beitrag zu PT-141-Bezugsquellen.
Fuer Melanotan II, das strukturell verwandte Melanokortin-Peptid, existiert kein vergleichbares Zulassungsprogramm. Es wurde nie als Arzneimittel zugelassen, und sein Vertrieb ist im Vereinigten Koenigreich sowie in vielen weiteren Laendern illegal. Dennoch zirkuliert es, auch als Nasenspray, im Graumarkt.
Was zeigt die Oxytocin-Forschung ueber den Weg Nase-Gehirn?
Oxytocin ist das am intensivsten untersuchte nasal verabreichte Peptid und damit der beste Pruefstein fuer die gesamte Hypothese. Die Forschungslage zu Oxytocin umfasst mehrere Hundert Humanstudien, und gerade deshalb ist bemerkenswert, wie viele Grundfragen offen geblieben sind.
Quintana und Kollegen fassten den Stand in einer Uebersichtsarbeit zusammen (Molecular Psychiatry, 2021, Band 26, Heft 1, Seiten 80 bis 91). Sie referieren Belege fuer funktionell relevante Effekte intranasaler Oxytocingabe aus Human- und Tierforschung, widmen den Hauptteil aber methodischen Problemen: Praeregistrierung, Reproduzierbarkeit, statistische Power, die Interpretation nicht signifikanter Ergebnisse, Dosisfragen und Geschlechtsunterschiede. Eine Literatur, in der eine Uebersichtsarbeit diesen Schwerpunkt setzen muss, ist keine Literatur mit gesicherten Effektgroessen.
Der zentrale offene Punkt wird in der Fachdiskussion als Frage Nase zum Gehirn oder Nase zum Blut gefuehrt. Nach intranasaler Gabe steigen die peripheren Blutkonzentrationen von Oxytocin auf supraphysiologische Werte, waehrend nur sehr geringe Mengen im Liquor nachweisbar werden. Beide Kompartimente koennen zu einem beobachteten Verhaltenseffekt beitragen, und die ueblichen Studiendesigns koennen die Beitraege nicht trennen. Zeitverlaeufe unterscheiden sich zudem deutlich: Plasmaspiegel erreichen ihr Maximum frueh nach der Applikation, Liquorspiegel wesentlich spaeter.
Martins und Kollegen gingen das Problem methodisch an, indem sie die Wirkung verschiedener Applikationsrouten auf die regionale zerebrale Durchblutung verglichen, darunter ein Standard-Nasenspray, ein Vernebler und die intravenoese Gabe (Nature Communications, 2020). Die Arbeit illustriert, dass Routenvergleiche notwendig sind, um direkte von systemisch vermittelten Effekten zu unterscheiden. Zu dieser Publikation erschien 2022 eine Autorenkorrektur: ein Rechenfehler bei den Flaechen unter der Kurve hatte diese systematisch ueberschaetzt, die Wiederholung aller Analysen veraenderte das Befundmuster und die Schlussfolgerungen jedoch nicht.
Fuer die Bewertung nasaler Peptidformate allgemein ist die Lehre aus der Oxytocinforschung klar: Selbst mit hunderten Studien, einer gut charakterisierten Substanz und einem eindeutigen Rezeptorsystem bleibt die Quantifizierung des direkten Nase-Hirn-Transports schwierig. Bei weniger untersuchten Peptiden ist entsprechende Zurueckhaltung geboten.
Wie unterscheidet sich die nasale Route von Injektion und oraler Einnahme?
Die drei Routen unterscheiden sich nicht nur in der Bioverfuegbarkeit, sondern in nahezu jeder pharmazeutisch relevanten Eigenschaft. Die folgende Tabelle stellt die wesentlichen Punkte gegenueber. Die Angaben beschreiben allgemeine Eigenschaften der Darreichungsformen und stellen keine Empfehlung dar.
| Kriterium | Intranasal | Subkutane Injektion | Oral (unmodifiziertes Peptid) |
|---|---|---|---|
| Typische Bioverfuegbarkeit | Fuer Peptide meist unter 1 Prozent (Ozsoy et al., 2009) | Hoch und relativ gut vorhersagbar | Praktisch vernachlaessigbar ohne Formulierungstechnologie |
| First-Pass-Effekt der Leber | Umgangen | Umgangen | Vollstaendig durchlaufen |
| Direkter Zugang zum ZNS | Anatomisch beschrieben, Ausmass beim Menschen unklar | Nur ueber die Blut-Hirn-Schranke | Nur ueber die Blut-Hirn-Schranke |
| Variabilitaet der Aufnahme | Hoch, abhaengig von Schleimhautzustand und Technik | Gering bis moderat | Hoch, abhaengig von Nahrung und Transit |
| Abbau vor der Resorption | Nasale Peptidasen plus mukoziliaere Clearance | Minimal | Magensaeure plus intestinale Proteasen |
| Molekulargewichtsgrenze | Wirkt stark limitierend | Kaum limitierend | Stark limitierend |
| Invasivitaet | Keine Nadel | Nadel erforderlich | Keine Nadel |
| Lokale Verträglichkeit | Reizung, Trockenheit, Niesreiz moeglich | Reaktionen an der Einstichstelle moeglich | Gastrointestinale Beschwerden moeglich |
| Formulierungsaufwand | Hoch (Enzyminhibitoren, Absorptionsverbesserer, Konservierung) | Moderat (Sterilitaet, Rekonstitution) | Sehr hoch (Schutzsysteme, Permeationsverbesserer) |
Aus der Tabelle folgt eine differenzierte Einordnung. Die nasale Route ist der oralen Gabe bei unmodifizierten Peptiden klar ueberlegen, weil sie den gastrointestinalen Abbau vollstaendig umgeht. Gegenueber der Injektion verliert sie dagegen in genau jener Eigenschaft, die pharmakologische Forschung braucht: Reproduzierbarkeit. Wer nicht weiss, welcher Anteil einer Applikation resorbiert wurde, kann keine Dosis-Wirkungs-Beziehung herstellen.
Das erklaert auch, warum die Entwicklungsgeschichte von Bremelanotid so verlief, wie sie verlief, und warum Semax und Selank trotz jahrzehntelanger Verwendung in Russland keine internationale Zulassung erlangt haben. Nicht die Wirksamkeitshypothese ist das primaere Hindernis, sondern die Nachweisbarkeit konsistenter Exposition.
Welche Rolle spielen Stabilitaet, Konservierung und Lagerung?
Ein nasales Peptidprodukt ist pharmazeutisch anspruchsvoller als ein Lyophilisat in einer Durchstechflasche. Lyophilisierte Peptide sind trocken, und Trockenheit ist der beste Schutz gegen Hydrolyse und mikrobielles Wachstum. Ein Spray ist dagegen eine waessrige Loesung, die ueber Wochen mehrfach geoeffnet und benutzt wird.
Daraus ergeben sich drei Problemfelder. Erstens die chemische Stabilitaet: in Loesung laufen Hydrolyse, Oxidation und bei manchen Sequenzen Deamidierung ab. Methioninhaltige Peptide wie Semax sind oxidationsempfindlich, was die Bedeutung von Lichtschutz und Temperaturkontrolle erhoeht. Zweitens die mikrobiologische Sicherheit: ein Mehrdosenbehaelter, dessen Spruehkopf wiederholt mit der Nasenschleimhaut in Kontakt kommt, erfordert ein Konservierungssystem oder eine technische Loesung wie ein konservierungsmittelfreies Dosiersystem mit Rueckschlagventil. Drittens die Dosiergenauigkeit der Pumpe selbst, die von Fuellstand, Priming und Betaetigungsgeschwindigkeit abhaengt.
Konservierungsmittel sind dabei ein Abwaegungsthema. Sie sind mikrobiologisch notwendig, koennen aber die Nasenschleimhaut reizen und bei laengerer Anwendung die mukoziliaere Funktion beeinflussen. Genau diese Funktion bestimmt, wie lange eine Substanz am Resorptionsort verweilt. Ein Produkt kann sich also ueber die Zeit selbst in seiner Aufnahmecharakteristik veraendern.
Fuer Produkte aus dem Forschungssegment kommt ein praktisches Problem hinzu: Angaben zu Stabilitaetsdaten, Haltbarkeit nach Anbruch und Konservierungssystem fehlen haeufig oder sind nicht durch Pruefdaten belegt. Ohne diese Angaben ist nicht beurteilbar, ob der Inhalt am Ende einer Anwendungsperiode dieselbe Zusammensetzung hat wie am Anfang. Analysenzertifikate, die lediglich Reinheit und Identitaet der Ausgangssubstanz bescheinigen, sagen ueber die Stabilitaet der fertigen Loesung nichts aus.
Fuer Bezugs- und Qualitaetsfragen bei Semax-Produkten haben wir die relevanten Pruefkriterien in einem eigenen Beitrag zusammengestellt: Semax-Bezugsquellen und Qualitaetspruefung.
Welche Risiken und regulatorischen Grenzen sind dokumentiert?
Der dokumentierte Fall mit der groessten Tragweite betrifft Melanotan II als Nasenspray. Alsabbagh und Kollegen berichteten ueber eine 22-jaehrige Patientin, bei der sich nach Anwendung eines Melanotan-II-Nasensprays zur Braeunung ein malignes Melanom der Mundschleimhaut im anterioren Oberkiefer entwickelte (International Journal of Oral and Maxillofacial Surgery, 2025, Band 54, Heft 9, Seiten 806 bis 808). Die Patientin wurde chirurgisch reseziert und anschliessend immuntherapeutisch behandelt. Die Autoren weisen darauf hin, dass Melanotan II nicht zugelassen ist und sein Verkauf im Vereinigten Koenigreich sowie in vielen weiteren Laendern illegal ist.
Ein Fallbericht beweist keine Ursaechlichkeit. Er dokumentiert eine zeitliche Assoziation, und ein mukosales Melanom bei einer 22-Jaehrigen ist ausgesprochen selten, was die Beobachtung bemerkenswert macht. In denselben Kontext gehoeren mehrere publizierte Berichte ueber eruptive und atypische melanozytaere Naevi sowie Melanome im Zusammenhang mit injizierten Melanotan-Praeparaten. Das biologische Argument ist naheliegend: eine Substanz, die Melanozyten stimuliert, wird auf eine Zellpopulation angewendet, deren unkontrollierte Proliferation genau das klinische Problem darstellt.
Lokale Effekte der nasalen Route selbst sind ein zweites Thema. Reizung, Trockenheit, Brennen, Niesreiz und Epistaxis sind bei nasalen Arzneiformen generell beschrieben. Bei Substanzen, die direkt auf das Riechepithel treffen, ist zudem die Frage nach langfristigen Effekten auf die Geruchsfunktion relevant, und fuer Forschungspeptide existieren hierzu keine systematischen Daten.
Regulatorisch ist die Lage eindeutig und wird in der Darstellung von Anbietern oft verwischt. Semax und Selank sind in Russland registriert, nicht in der EU oder den USA. Bremelanotid ist ausschliesslich als subkutane Injektion zugelassen, nicht als Nasenspray. Melanotan II ist nirgends als Arzneimittel zugelassen. Oxytocin ist als Arzneimittel zugelassen, aber fuer geburtsmedizinische Indikationen und nicht fuer die in der Forschungsliteratur untersuchten psychiatrischen oder sozialkognitiven Anwendungen. Die rechtliche Einordnung von Erwerb, Besitz und Anwendung variiert zudem von Land zu Land.
Medizinischer Hinweis: Die hier besprochenen Substanzen sind, soweit nicht ausdruecklich anders bezeichnet, Forschungssubstanzen ohne Zulassung fuer die Anwendung am Menschen. Dieser Text ersetzt keine aerztliche Beratung, enthaelt keine Dosierungs- oder Anwendungsempfehlungen und darf nicht als Anleitung zur Selbstanwendung verstanden werden. Bitte wenden Sie sich bei gesundheitlichen Fragen an eine Aerztin, einen Arzt oder eine Apothekerin beziehungsweise einen Apotheker. Praeklinische Befunde aus Tierversuchen lassen keine Rueckschluesse auf Wirkung oder Sicherheit beim Menschen zu.
Welche nasalen Peptidformate sind im Referenzsortiment gelistet?
Zur Einordnung der im Artikel besprochenen Darreichungsform folgen zwei aktuell gelistete nasale Formate des Anbieters AuraVia. Die Nennung dient der Transparenz darueber, welche Formate ueberhaupt als Spray existieren, und stellt keine Empfehlung, keine Anwendungsanleitung und keine Aussage zu Wirksamkeit oder Eignung dar.
| Format | Peptid | Praesentation | Gelisteter Preis | Einordnung im Artikel |
|---|---|---|---|---|
| Semax Nasenspray | Semax (ACTH(4-7)-Pro-Gly-Pro) | 10 mg Nasal Spray | 44,99 EUR | In Russland registriertes Peptid, keine FDA- oder EMA-Zulassung; klinische Daten aus kleinen russischsprachigen Studien |
| MT-2 Nasenspray | Melanotan II | 10 mg Nasal Spray | 39,99 EUR | Nirgends als Arzneimittel zugelassen; publizierter Fallbericht eines mukosalen Melanoms nach Anwendung als Nasenspray (Alsabbagh et al., 2025) |
Beide Positionen sind als Forschungssubstanzen deklariert und nicht fuer die Anwendung am Menschen freigegeben. Im Fall von Melanotan II verweisen wir ausdruecklich auf den im vorigen Abschnitt beschriebenen Fallbericht und auf die Berichte zu melanozytaeren Veraenderungen unter Melanotan-Praeparaten. Die rechtliche Verkehrsfaehigkeit von Melanotan II ist in vielen Jurisdiktionen nicht gegeben, was Interessierte vor jeder Beschaffung eigenstaendig pruefen sollten.
Von einem nasalen PT-141-Format raten die vorliegenden Daten ab: die intranasale Entwicklung von Bremelanotid wurde zugunsten der subkutanen Gabe eingestellt, und ein nasales Produkt hat nie eine Zulassung erhalten. Entsprechende Angebote im Graumarkt reproduzieren eine Darreichungsform, die im regulierten Entwicklungsprozess aus Sicherheitsgruenden verworfen wurde.
Fuer Hintergruende zu den einzelnen Substanzen verweisen wir auf die jeweiligen Monografien zu Semax, Selank, PT-141, Melanotan II und zur Oxytocin-Forschung. Preise und Verfuegbarkeit aendern sich; die hier genannten Werte entsprechen dem Stand der letzten Datenabfrage.
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Schnell-Quiz · 6 Fragen
Haeufige Fragen
Wirkt ein Peptid-Nasenspray besser als eine Injektion?
Was genau bedeutet der Begriff Nase-Hirn-Transport?
Sind Semax und Selank irgendwo als Arzneimittel zugelassen?
Warum existiert kein zugelassenes PT-141-Nasenspray?
Ist die Oxytocin-Forschung ein Beweis dafuer, dass nasale Peptide das Gehirn erreichen?
Welche Faktoren beeinflussen, wie viel eines nasalen Peptids aufgenommen wird?
Worauf ist bei Stabilitaet und Lagerung eines Peptid-Sprays zu achten?
Welche Risiken sind fuer Melanotan II als Nasenspray dokumentiert?
Quellen
- Crowe TP, West Greenlee MH, Kanthasamy AG, Hsu WH (2018). Mechanism of intranasal drug delivery directly to the brain. Life Sciences, 195:44-52. (PubMed)
- Ozsoy Y, Gungor S, Cevher E (2009). Nasal delivery of high molecular weight drugs. Molecules, 14(9):3754-3779. (PubMed)
- Lee MR, Scheidweiler KB, Diao XX, et al. (2020). Labeled oxytocin administered via the intranasal route reaches the brain in rhesus macaques. Nature Communications, 11:2783. (PubMed)
- Quintana DS, Lischke A, Grace S, Scheele D, Ma Y, Becker B (2021). Advances in the field of intranasal oxytocin research: lessons learned and future directions for clinical research. Molecular Psychiatry, 26(1):80-91. (PubMed)
- Martins DA, Mazibuko N, Zelaya F, et al. (2020). Effects of route of administration on oxytocin-induced changes in regional cerebral blood flow in humans (siehe Autorenkorrektur 2022). Nature Communications, 11:1160. (PubMed)
- Gusev EI, Skvortsova VI, Miasoedov NF, Nezavibat'ko VN, Zhuravleva EIu, Vanichkin AV (1997). Effectiveness of semax in acute period of hemispheric ischemic stroke (a clinical and electrophysiological study). Zhurnal Nevrologii i Psikhiatrii Imeni S.S. Korsakova, 97(6):26-34 (russisch). (PubMed)
- Zozulia AA, Neznamov GG, et al. (2008). Efficacy and possible mechanisms of action of a new peptide anxiolytic selank in the therapy of generalized anxiety disorders and neurasthenia. Zhurnal Nevrologii i Psikhiatrii Imeni S.S. Korsakova, 108(4):38-48 (russisch). (PubMed)
- Diamond LE, Earle DC, Garcia WD, Spana C (2005). Co-administration of low doses of intranasal PT-141, a melanocortin receptor agonist, and sildenafil to men with erectile dysfunction results in an enhanced erectile response. Urology, 65(4):755-759. (PubMed)
- Safarinejad MR (2008). Salvage of sildenafil failures with bremelanotide: a randomized, double-blind, placebo controlled study (Expression of Concern 2023, PMID 36626345). Journal of Urology, Maerz 2008. (PubMed)
- Alsabbagh Y, et al. (2025). Melanotan II nasal spray: a possible risk factor for oral mucosal malignant melanoma?. International Journal of Oral and Maxillofacial Surgery, 54(9):806-808. (PubMed)